| Und zum Schluß zu einer Zuschrift,
einer negativ-kritischen, mit meiner eigenen
Stellungnahme: Sehr geehrter Herr
Pallast
Ich habe Ihre Bücher mit Interesse gelesen und Ihr Video
mit Verwunderung angeschaut. Es ist eine interessante
Vorgehensweise, die sie da vorstellen. Auf die Imprimitur
wird weiß gehöht und diese Weißhöhung wird angemalt.
Nach intensiver Rücksprache mit Frau B (geänderter
Name) fühle ich mich verpflichtet, Ihnen
mitzuteilen, dass diese Vorgehensweise sehr gute
Ergebnisse bringt, aber nicht altmeisterlich ist. Frau B.
war in ihren Studienjahren am Doernerinstitut und hat 6
Semester am Wehlte-Institut in Stuttgart studiert. Sie
kannte Prof. Wehlte persönlich und kann mit Bestimmtheit
sagen, dass kein Alter Meister auf diese Art und Weise
seine erste Weißhöhung ausgemalt hat. Wir haben die
Beschreibung im Doerner Handbuch nachgeschlagen und Ihre
Methode nicht wieder gefunden. Möglicherweise haben Sie
das Wort "Lasur" missverstanden und somit die
Texte falsch interpretiert. In Ihrem Video zweifeln Sie
an, dass bis zu 30 Lasuren übereinander gelegt wurden.
Frau B erzählte mir, dass Tizian sogar bis zu 90 Lasuren
gemacht hätte. Ich selbst male Haut in mindestens 6
Lasuren. (Wie soll das mit weniger gehen?). Bei
Hintergründen können das auch mal 10 oder mehr werden.
Ich wünsche Ihnen dennoch weiterhin viel Erfolg
und vor allem ein gutes Gewissen."
Was ich dazu sage? Die Ehre Max Doerners zu war zu
retten, auch und erst recht sein gutes
Gewissen!
In Malmaterial und seine Verwendung im Bilde",
Max Doerner, 1938, Nachdruck (Reprint) 1992 Ferdinand
Enke Verlag Stuttgart", Doerners sechste und
gleichzeitig letzte persönlich gestaltete Edition, sind
sämtlichen Passagen betreffend Weißhöhung und
Übermalung nicht nur fachmännisch-ausführlich, sondern
vor allem unmißverständlich beschrieben.
Schon zu Beginn auf Seite 268 meines Doernerbuchs ist
unter Giotto" die Weißhöhung nach
altmeisterlicher Art beschrieben (Zitat: "Auf
eine saubere und genaue Zeichnung, die mit einem grünen
Mischton leicht nachkonturiert wurde, erfolgte eine
Tönung mit Veroneser grüner Erde, die im Licht zweimal
mit Weiß nach der Form flächig gehöht wurde."). Solche und ähnliche
Beschreibungen enthält der Doerner zuhauf, zum Beispiel
Seite 274 (Van Eyck und die Altdeutschen), Seite 277
(Filarete: Beschreibung einer Weißhöhung), ganz
besonders Seite 278: Gang der Arbeiten: Ziffer 1.
Gipsgrund, Ziffer 2. Zeichnung, Ziffer 3.
Imprimituranlage, Ziffer 4. Lichthöhung mit Weiß
(Weißhöhung), Ziffer 5. darüber Lasuren in feinster
Verteilung, Ziffer 6. ggf. ergänzende Weißhöhungen und
Ziffer 7. weitere farbige Ausgestaltung mit sowohl mit
Lasuren und deckenden Farben.
Ich habe im Doerner weiterhin nachgeschlagen und eine
ganze Menge genauer und sehr zuverlässiger Hinweise
über die farbige Ausgestaltung (sprich Übermalung der
beschriebenen Untermalung mit Namen Weißhöhung)
gefunden, zum Beispiel diese außerordentlich wichtige
Aussage:
Seite 296 (weitgehend fußend auf dem weltberühmten
Manuskript des mit Rubens befreundeten Arztes de
Mayerne):
"Beginnt
damit, daß ihr leicht Eure Schatten malt. Hütet euch,
Weiß darin anzubringen, es ist das Gift eines Bildes,
ausgenommen in den Lichtern. Wenn das Weiß einmal die
Durchsichtigkeit und goldene Wärme eurer Schatten matt
gemacht hat, ist Eure Farbe nicht mehr leuchtend, sondern
matt und grau."
"Es ist nicht dasselbe bei den Lichtern. Da kann man
die Farbe nach Gutdünken aufsetzen. Sie haben Körper,
doch muß man sie reinhalten. Man erzielt Erfolg, wenn
man jeden Ton an seinen Platz setzt, einen neben den
andern, sie mit dem Pinsel leicht mischt und ohne Quälen
ineinander übergehen läßt."
"Dann kann man über die so vorbereitete Fläche
zurückkehren und jene bestimmten Drucker aufsetzen, die
immer das Kennzeichen großer Meister sind." (nach
Descamps)."
Dazu
noch Zitate aus Seite 296:
Prinzip des Rubens war, das Licht deckend aufzutragen,
die Schatten aber dünn und durchsichtig zu halten.
... Ein Gespräch mit van Dyck blieb erhalten, wonach
wenigstens die letzte Lage der Schatten durchsichtig sein
müsse, und ferner der Rat des Rubens an Teniers, dessen
spätere Bilder durch dickes Malen (auch in den Schatten)
die Wärme früherer Bilder verloren hatten: Er solle die
Lichter kräftig, die Schatten aber dünn malen, sonst
habe auch die Grundierung keinen Zweck, d. h. sie sei
nicht mitbenützbar zur Wirkung. Das bezieht sich auf die
Methode der optischen Grau, die entstanden, wo in
Halbtönen der Untergrund nur schwach gedeckt wurde und
durchwirkte. Sie geben den Originalen des Rubens die
meisterhafte Lockerheit und fehlen in den darum hart
wirkenden Schulbildern.
Ein eigener Hinweis an
dieser Stelle: Der vorstehend gebrauchte Begriff
Grundierung" ist hier nicht die
Anfangs-Grundierung der Malfläche, sondern die farbige
Flächentönung (Imprimitur nach Doerner), und der
Begriff optisches Grau" hat mit Grauwerten
nichts zu tun, weil praktisch nirgends Grau entsteht,
sondern es ist die farbige Dunkelheit"
gemeint.
Ab Seite 286 bespricht Doerner individuell Tizian,
besonders seine Lasurmalerei:
Zitat
Seite 288, 3. Absatz:
"Svelature,
trenta o quaranta!" Lasuren, dreißig oder vierzig,
ist ein überlieferter Ausspruch Tizians. Das ist nicht
so zu verstehen, als habe er das ganze Bild immer wieder
mit neuen Lasurschichten überdeckt. ... Zu unterscheiden
ist hier zwischen den lokalfarbigen
Einzellasuren und den Gesamtlasuren
über das ganze Bild."
Wer mehr als 3 Lasuren übereinanderlegt, treibt nicht
selten bzw. regelmäßig altmeisterlich-malerischen
Unsinn. Und das nicht nur aus Gründen der wichtigsten
Farbenmischgebote, sondern auch, weil bei jeder Lasur
eine Menge Bindemittel/Malmittel aufgebracht wird, was
zur Speckigkeit und zum Nachdunkeln führen kann - sofern
die Anzahl der Lasurschichten unverantwortlich ansteigt.
Ich darf aus diesem Grund Kurt Wehlte ergänzend zitieren
(Kurt Wehlte, Werkstoffe und Techniken der Malerei",
1967 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH), Seite 822
(mit meiner persönlich formulierten allgemeinen
Verbindlichkeit, daß sich die Regeln für das direkte
Farbmischen auch und erst recht auf Lasuren erstrecken!).
Als
Grundsatz für das Farbmischen darf gelten, daß man
zunächst versuchen muß, mit 2 Mischkomponenten
möglichst nahe an das gewünschte Ziel heranzukommen!
Nötigenfalls wird dann noch durch Hinzuziehen einer 3.
Komponente das verlangte Schlußresultat erreicht. ...
Nach den vorstehenden Darlegungen wird klar geworden
sein, daß jedes Hinzubringen einer neuen Mischkomponente
gleichzeitig eine Subtraktion reflektierten Lichtes
bedeuten muß! Durch kompliziertes Mischen verliert jede
Malerei an Frische und Unmittelbarkeit! Jeder
Akademieschüler weiß, was es heißt, eine Farbe zu Tode
zu mischen. ..."
Fazit:
Ab der 4. Lasur hört vernünftige Malerei bei Lichte
besehen eigentlich auf. Und ich darf persönlich Wehltes
Kommentar bestätigen: Richtig, malen heißt ja nicht,
den Regeln des additiven Mischens zu folgen,
sondern des subtraktiven. Jeder Akademieschüler
weiß auch, wenn er nicht gerade begriffsstutzig ist, was
es heißt, "eine Farbe zu Tode zu lasieren."
Weil es übrigens im Bereich der Kunst keine Regel ohne
Ausnahme gibt, wird an dieser Stelle auf den Vorgang der
farbigen Übermalung im pallastschen Malervideo
hingewiesen. Hier ist die Grundfarbe der drei Rosen mit vier
Farben ermischt worden, jedoch waren dies alle warmtönige
sprich verwandte Farben im engen Bereich Rot bis Gelb.
Solche feinen Abtönungen sind ausnahmsweise erlaubt,
denn sie bremsen Frische und Unmittelbarkeit nicht. Im
Übrigen ist es sogar erlaubt, Farben zu Tode zu
lasieren, wenn der Lasureffekt nötig ist, um ein
besonderes künstlerisches Ergebnis herzustellen. Man
sieht also, Kunst kennt heutzutage keine Grenzen! In der
Gegenwartskunst ist schließlich alles erlaubt, nicht
aber in der altmeisterlichen! Gleiches gilt übrigens
vergleichsweise für die strenge Harmonierlehre eines
Johann Sebastian Bach und seiner Zeitgenossen.
Ab Seite 307 meines Doernerbuchs wird die Maltechnik
Rembrandts besprochen. Hier hat Doerner sich aber
passagenweise derart fundamental geirrt, daß
Generationen von Malern auf falsche Fährten gelockt
wurden. Daher beende ich meine Zitate, um nicht vom Thema
abzuschweifen.
All dies mühsam wieder erworbene doernersche Wissen um
altmeisterliche Maltechnik muß sich jeder Maler selbst
durch gewissenhaftes Nachdenken und viel Mühe täglich
immer wieder aneignen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Lienhard Pallast
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