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Zur Statistik Am 29.10.2006 wurde der halbmillionste Seitenabruf gezählt (genau: 503.447 Stück)

Hinweis für die Bestellung dieses Buchs:

Dieses Buch ist nicht mehr lieferbar. Auf jeden Fall wird der Inhalt in den dritten noch erscheinenden Malerfilm übernommen, so daß die hierunter folgend skizzierten absoluten "Weisheiten" (Buchauszug aus Kapitel 1) keinesfalls verloren gehen.

Mit freundlichen Grüßen

Lienhard Pallast


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art edition Band 1

42 Seiten, Format DIN A 5, Taschenbuchausgabe,
ISBN-Nummer 3-980940-8-1
8,00 EUR
beigefügt ist eine CD mit 18 Bilderscans in je einer mittleren und einer sehr guten Auflösung

Herausgebender Verlag: Lienhard Pallast Verlag, Stöckerfeld 7, 53773 Hennef


Kritiken

Jörn Bohr, Kunsthistoriker aus Leipzig, schrieb:

» ... Nehmen Sie es als Rezension, an deren Ende stehen könnte, dem Buch sei eine weite Verbreitung zu wünschen. ... Mit großem Vergnügen und Genugtuung habe ich Ihre respektlose Denkschrift gelesen ... Ihre Schrift ist in genau dem richtigen Ton gehalten – überzeichnend, um Ihre Botschaft um so prägnanter zu übermitteln ... Was Sie gegen Kulturredakteure und generell Schwafler vorbringen, die über „Kunst“ reden, statt sie kritisch zu besehen, hat mich erfrischt ... Der zweite Teil des Buches, über die Maltechnik, sowie die Bild-CD, haben mir als Künstler bzw. Graphiker wertvolle Hinweise gegeben. ... Seien Sie versichert, daß ich bei der Lektüre auch ab und an laut gelacht habe!«


Inhaltsverzeichnis und Buchauszug

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Zu Frage 1
Zu Frage 2

Kapitel 2

Nachts sind alle Katzen grau
Je langsamer, desto Bild
Schlaf, Kindchen, schlaf
Der Kammerton als Grundton
Das Ende des Schreiens
Auf beiden Augen blind?
Zeit ist Geld
Das Gedächtnis und die Skizze
In welchen Geschäften haben die alten Meister
ihre Tubenfarben gekauft?

Kapitel 3


Es geht los mit dem Verrat
Die Malfläche
Wiederum: Je langsamer, desto Bild
a) Die Vorbereitung der Zeichnung
b) Dann werde ich zum Gewalttäter
c) Verölt und Verharzt
d) Für ganz Langsame und Konzentrationsschwache und Unbegabte, wie ich einer bin: Es geht los mit der Weißhöhung
e) Nochmal für ganz langsame und Konzentrationsschwache und Unbegabte wie mich: Es geht los mit der Farbgebung
Farben, die ich verwende
Grundlage meiner Malerei sind zwei Wahlsprüche
Malersprüche
Erklärungen zu den Bildern der beigefügten Buch-CD:
Schlußbemerkungen
Endnoten


Hier folgt der Buchauszug aus Kapitel 1 – reichlich satirisch würden Unwissende sagen, absolut wahrheitsgetreu meinen jedoch alle informierten Realisten, Kenner und Aufrichtige

»Kapitel 1

Im Grunde genommen ist dieses Büchlein eine einzige Hochstapelei, denn ich habe prinzipiell recht wenig Ahnung, was altmeisterliche Malerei ist. Das Einzige, was ich begriffen habe, ist, daß altmeisterliche Malerei keine moderne Malkunst ist. Und was ist moderne Malkunst? Erstens weiß ich auch dies nicht genau (wer weiß das schon?) und zweitens gibt es relativ alte, mittelalte und neue moderne Malkunst sowie die zeitgenössische Malkunst. Wenn ich im Verlauf dieser Abhandlung auf den Begriff »moderne Malkunst« zurückkomme, meine ich gezielt die Gegenwartskunst, die als modern angesehen wird. Bei dieser Vereinbarung will ich im Rahmen meiner Abhandlung durchgehend bleiben.

In dieser Abhandlung werden die beiden Fragen aufgeworfen, ob
1. altmeisterliche Malerei in unseren Zeiten moderner Malkunst derzeit eine Überlebenschance hat, ggf. überhaupt noch ernstgenommen werden kann und

2. ob wir überhaupt wissen, in welcher Maltechnik und in welchem Malstil altmeisterlich gemalt wurde; ist das Wissen der alten Meister noch präsent – oder schon wieder präsent?

Zu Frage 1

Ich habe berechtigte Hoffnung, nahe an der Beurteilung der Frage, was moderne Malkunst der Gegenwart ist, dran zu sein, denn alles, was funkelnagelneu zu sein scheint, ist vermutlich moderne Kunst, die wie der alte »deus ex machina« funktioniert. Ein modernes Kunstwerk entsteht folglich maschinell, und ein Künstler, der was Neues erfindet, kann sich wie automatisch (deus ex machina, ick hör dir donnern) nicht mehr dagegen wehren, was künstlerisch Wertvolles und Einmaliges geschaffen zu haben. Ob das Kunstprodukt auch wirklich künstlerisch wertvoll ist, wird nicht mehr überprüft, weil eine Überprüfung nicht nur unnötig geworden ist, sondern unmöglich. Und weil Neuartigkeit sowie Neuheit zu den einzigen Kriterien der Gesamtbeurteilung geschrumpft sind.

Wenn jemand seinen Wellensittich in Eigelb taucht und ihn anschließend auf einer Malleinwand frei laufen läßt, hat das direkt etwas mit moderner Malkunst zu tun, denn es steht so – von Kulturredakteuren ernsthaft verbreitet – in den Zeitungen, denn niemand hat vorher versucht, einen Wellensittich in Eigelb zu tunken, auf daß dieser male. Dem Erstversuch kommt hiermit eine überragende Qualität zu, und die Erstausführung entscheidet alleine und ganz alleine über die Qualität von Kunst, nicht mehr das Kunstwerk selbst.

Wenn jemand eine Bildfläche in einer einzigen Farbe, sagen wir Grau, streicht und darunter den Titel »grau« vermerkt, hat er – sofern es vorher noch keiner getan hat – ein Kunstwerk erschaffen, das ihn berühmt machen kann. Nicht berüchtigt, das ist was anderes, obwohl »berüchtigt« hier möglicherweise passen würde. Vorausgesetzt, dieser Maler findet einen Mäzen, der ihm sein Grauwerk für einen ordentlichen Batzen Geld abkauft und somit für seine Popularität sorgt. Auch ein Museum ist einem Mäzen vergleichbar, denn »biste erst mal im Museum, denn haste ausjesorgt.«

Bedingung für das Entstehen von Gegenwartskunst ist also immer, daß ein Mäzen Bimbes locker macht, und dann können alle Aktien steigen; die Aktien des Künstlers, des Mäzens, der Galerien, der Museumsdirektoren, der Sammler, der Auktionshäuser und noch vieler anderer. Dieses System funktioniert dank des Kapitaleinsatzes der Mäzene und der sichtlich begrenzten Intelligenz von Kulturredakteuren reibungslos.

Die systemimmanente Kapitalisierung von Kunstwerk-Werten der Moderne wird erkennbar. Dieser etwas umständliche Satz beinhaltet eine nackte Provokation, die längst keine mehr ist: »Geld entscheidet über den Wert moderner Kunstwerke. Sonst eigentlich nichts.«

Die systemimmanente Kapitalisierung von Kunstwerk-Werten der Moderne könnte nur dann nicht reibungslos funktionieren, gäbe es irgendwo Zeitgenossen, die Zweifel am Unsinn dieser Mechanismen hätten, an den Schaltstellen der Kritik säßen und den Mut aufbrächten, mit Denken zu beginnen. Weil aber Gegenwartskunst mit Denken nichts zu tun hat, wird es mit dem Denken auch nie nichts werden.

Wer in Berlin eine Tonne aufstellt und die Abgeordneten des Bundestags einlädt, je eine Tüte Heimaterde mitzubringen, damit diese doch recht unbedeutende Mischung aus Mineralien und Humus in dieser Tonne öffentlichkeitswirksam versenkt werde, schafft ein gegenwartmodernes Kunstwerk. Weshalb dies so ist? Ich sagte es ja bereits: Vorher hat noch niemand etwas in dieser Art getan. Und das ist völlig ausreichend, nunmehr von einem Tonnen-Kunstwerk und von einer künstlerischen Handlung zu reden.

Mittlerweile ist diese unterwürfige Haltung der Menschen vor dem modernen Kunstbegriff derart in ihren devoten Köpfen einbetoniert worden, daß es nicht mehr nötig ist, darüber zu diskutieren oder Zweifel an der Richtigkeit oder sogar Seriösität des Finanzsystems »Systemimmanente Kapitalisierung von Kunstwerk-Werten der Moderne« anzumelden. Jeder in unserer Gesellschaft achtet wie selbstverständlich darauf, sein Gesicht nicht zu verlieren, und das verliert man wie im Galopp, wenn man moderner Kunst nicht höchsten Respekt zollt. Moderne Gegenwartsmalerei ist ein Tummelplatz für alle selbsternannten nichtsachverständigen Sachverständigen, weil diese im Bereich der Kunst jetzt endlich mitreden können, ohne zugeben zu müssen, keine Ahnung zu haben.

Was moderne Kunst zu sein hat, bestimmen in erster Linie Fabrikanten, weil sie als Mäzene Bimbes locker machen können, ohne gleich an den Bettelstab zu geraten. Jene Fabrikanten nämlich, deren ursprünglicher und selbstverständlich ganz vernünftiger Lebensinhalt beispielsweise in erster Linie darin besteht, gewinnbringend entweder Schokolade zu produzieren oder Autozubehör oder Klosettdeckel.

Ich bin durchaus in der Lage, den leuchtenden Gedankenreichtum meines gesamten vorstehenden Textes zu reduzieren auf die Formel

"Wer den Bimbes hat, bestimmt, was heutige Kunst zu sein hat. Nach dem Bimbes richten sich die Aktien der Künstler, der Galeristen, der Museumsdirektoren, der Sammler und der Auktionshäuser."

Mathematisch sieht meine Formel hierzu wie folgt aus:

KMW = Kq multipliziert mit Bi
8 multipliziert mit F9 multipliziert mit Mf10 multipliziert mit Kg11 multipliziert mit Z12

KMW = Kunst-Marktwert, der sich aus einer mäzenatischen Förderung eines neuen Künstlers ergibt, ausgedrückt in Euro

Kq = Künstlerische Qualität des ins Auge gefaßten Malers, der zum Künstler erschaffen werden soll

Bi
= Bimbes, den der
Fabrikant (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) zur Kunstszenebildung einsetzt

F
= Fähigkeit des Malers,
beurteilt durch den Fabrikanten

Mf =
malerische Fähigkeiten des Fabrikanten

Kg =
Persönlicher Kunstgeschmack des Fabrikanten

Z
= Zahl der Kunstausstellungen, die der ins Auge gefaßte Maler bisher in Altersheimen, Krankenhäusern, Heil- und Pflegeanstalten, Sparkassen, Bundeswehrkasernen, Zuchtbullenversteigerungshallen und Finanzämtern hatte

Je höher KMW ist, desto höhere Verkaufspreise erzielt der Maler noch zu seinen Lebzeiten (der ist nicht an der Zeit nach seinem Tod interessiert) und desto höher steigen die Aktien der Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) mit dem Bimbes, der Künstler, der Galerien, der Museumsdirektoren, der Sammler und der Auktionshäuser.

Aber auch dieser Vergleich hinkt ein wenig. Sehen wir mal auf sogenannte Galerien, deren Namen ich aus Gründen der Diskretion zu verschweigen verpflichtet bin. Die Galeristen jener Galerien verkaufen auch und vor allem Produkte jener Kleckser, die im Fließbandverfahren Zigeunerinnen, alte Seebären mit schmauchender Pfeife, pralle Segelschiffe, von Blumen überquellende Wiesen mit Bäumen und Bächlein und Rehlein und Zwergen sowie sonstige Alpenlandschaften mit garantiert echtem Alpenglühen malen (der Maler erschafft mindestens vier absolut gleichaussehende oder leicht variierte Lebenswerke pro Woche) und für nicht allzuviel Geld verkaufen. Auch an Fabrikanten, nicht aber an jene, die an der Kunstszenebildung der Moderne interessiert sind; diese soeben erwähnten Bilder bringen nicht das große Geld, sondern nur das ganz kleine. Dafür interessiert sich nicht der Mäzen mit dem hehren Ziel der Kunstszenebildung.

Künstler unserer Zeit haben sich also nach dem Geschmack der Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) zu richten, Künstler vergangener Zeiten hatten sich nach dem Geschmack der Fürsten, des Adels und der hohen Geistlichkeit zu richten. So kam es beispielsweise, daß aus dem Atelier des Rubens eine Unmenge kitschiger Bilder stammen, die Rubens allem Anschein nach nur gemalt hat, um finanziell gut über die Runden zu kommen. Vom Rubens-Bild »Raub der Töchter des Leukippos« sagten Spötter bereits: »Zwei Herren helfen zwei halbbekleideten Damen auf’s Pferd«. Sind moderne Künstler ganz anders?

Wenn die Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) unserer Zeit ihr Mäzenatentum lange genug getan haben, richten sich alle Menschen nach dem Geschmack dieser Fabrikanten, nicht mehr nach dem der Fürsten, des Adels und der hohen Geistlichkeit, denn diese Zeiten sind vorbei. Die neuen Zeiten sind jedoch inhaltlich genau so wie früher, denn das Verlangen nach Kitsch in der Kunst läßt sich nicht einfach abstellen.

Stadtväter, die das Geld des Bürgers für die öffentliche Kunst am Bau rausschmeißen, kaufen Kunst so ein, wie sie künstlerisch begabt sind: Von keiner Sachkunde beleckt und en masse. Redakteure von Kultur-Zeitungsseiten, Rundfunk- und Fernseh-Sendungen und sonstige am Kunstwesen beteiligte Zeitgenossen tun so, als gäbe es das Märchen »Des Kaisers neue Kleider« nicht oder nicht mehr oder noch nicht. Wer dieses Märchen im Leben anzuwenden nicht bereit ist, verschwindet als ernstzunehmender Kunstsachverständiger plötzlichst von der Bildfläche. Beerdigt Klasse vier.

Um darzustellen, wie weit sich unsere Redakteure im System der Vermarktung moderner Gegenwartskunst verheddert haben, zitiere ich den Kölner Stadt-Anzeiger vom 9. März 2000:

“Global Art“ in Duisburg

Die Wege der Welt

Zum Abschluss Werke von Abraham David Christian

Autorin: Amine Haase

»Zwischen Erinnern und Vergessen weitet sich der Kosmos dieser Kunst. Sie ist Zeugnis eines Nomadendaseins, das die Innenwelten seines Erfinders zwischen den unterschiedlichen Vergangenheits-Formen auslotet, und das die Außenwelten zwischen den verschiedenen Gegenwartsexistenzen dokumentiert. ... Er schafft seinen Kosmos aus dem, was er auf seinem Wege findet; er erfindet die Sprache, um uns diesen neuen Kosmos zu vermitteln; er spielt mit den Zeichen wie ein Kind und verankert so das Neue fest mit der Vergangenheit. Seine Welt ist – im bester künstlerischer Tradition – eine, in der „der Himmel nur aus Konvention Blau ist“. Das Ritual der Kunst, der Kultur generell, wird respektiert – um es neu zu erfinden. ... Es sind die Zeichnungen, die der Präsentation ihren realen Grund geben. Ein Flimmern zwischen Irrealem und Realem, zwischen einem traumwandlerisch sicheren Konstruieren der Erinnerung und einem bewußt betriebenen ganz konkreten Vergessen kennzeichnet also nicht nur die Arbeiten selber, sondern ihre Zusammenschau in der von Christoph Brockhaus betreuten Duisburger Ausstellung. Wir müssen uns in diesen Kosmos erst einleben.«


Bildzitat: Das zugehörige Bild trägt den Namen »Bronx«, 1984, Grafitfarbe auf Papier:

Zu Frage 2

Um meine bisherigen Ausführungen zu erweitern, denke ich an meine Schulzeit zurück. Erich Weiß, Gründer und langjähriger Leiter des deutschen Hermann-Hesse-Archivs, ein sehr belesener Mann, war mein Klassenlehrer in der Realschule. Er liebte alte und moderne Kunst und gab mir einst den Auftrag, vor meiner Schulklasse stehend das Bild »Kaufmann Gisze« von Holbein dem Jüngeren zu besprechen, dessen Farbdruck er an der Schultafel befestigt hatte. Ich geriet in größte Nöte, denn ich wollte wirklich erklären, was die Schönheit der Malerei ausmachte, wie der Maler das Bild in seiner persönlichen Maltechnik aufgebaut hatte, welche maltechnischen Besonderheiten zu erkennen waren, und vor allem, aus welchem Grund dieses Bild einen so harmonischen Eindruck machte. Aber das konnte ich nicht. Denn ich hatte nicht gelernt, altmeisterlich zu malen und wußte nichts, aber auch gar nichts um die Geheimnisse der alten Meister. Erich Weiß wußte aber auch nichts, was ich daran bemerkte, daß er mich beinahe wütend auf meinen Platz zurückschickte und die Angelegenheit der Bilderklärung selbst in die Hand nahm und zur Chefsache erklärte. Die Erklärung nahm dann folgenden Lauf:

»Links ober seht ihr auf dem Regal das ... , rechts oben auf dem Regal dies ... , in der Mitte seht ihr diese Hintergrundfarbe der Bretterwand, und unten auf der Tischdecke das und dies und jenes. Das da oben auf dem Bild wurde damals im täglichen Leben für folgendes benötigt: ... Das da links hat die Farbe Rot ... , das da die Farbe Gelb ... « Anschließend drehte sich Erich Weiß zufrieden wieder der Klasse zu und fragte, ob jemand noch eine Frage hatte. Keiner hatte.

Heutzutage gehe ich gern in mein lokales Museum in Köln, das Wallraff-Richarz-Museum, und studiere immer wieder die alten Meister, denn davon kann kein strebsamer Maler genug kriegen. Ich treffe auch auf viele begeisterte und nichtbegeisterte Lehrer, die ihre Schäflein um sich scharen und Bilderklärungen starten. Was sie tun, ist immer noch das bewährte Erich-Weiß-Erklär-Machwerk, aber die Lehrer sind heute viel gebildeter als früher, denn sie beenden ihre Bildbesprechungen sehr früh und gehen möglichst schnell zur gesamten Kunstgeschichte der Malerei über, denn da sind sie ja Zuhause; sie fummeln in ihrem anstudierten Gedächtnisgehirn herum und holen alles heraus, was sie im Studium über Kunstgeschichte im engeren und weiteren und weitesten Sinne erlernt haben. So werden Schulklassen schnell ermüdet, denn nicht nur Herumstehen strengt an, sondern Langweiliges schläfert zuverlässig ein. Und was altmeisterliches Malen wirklich umfaßt, lernt kein Schüler, weil es noch nicht einmal die Lehrer lehren können, denn sie haben es ja auch nicht gelernt.

Darf ich Erich Weiß und die Schar der bemühten Lehrer tadeln? Nein! Denn sie können nicht anders. Denn es gibt ein absolutes Hindernis, das ich in dieser erlauchten Darstellung wie folgt in Form von Beispielen erklären kann und darf:

Wer Mathematiklehrer werden will, muß rechnen können. Wer Deutschlehrer werden will, muß schreiben können. Wer Sportlehrer werden will, muß laufen und springen können. Der Biologielehrer kann mit dem Mikroskop exzellent umgehen, und dem Chemielehrer gelingen die Versuche (meist!), die er sogar im Detail formelmäßig und stöchiometrisch ganz genau erklären kann.

Aber die Kunstlehrer? Sie können nur reden, reden, reden. Wie die Redakteure der Kulturseiten, von denen ich ja soeben eine Kostprobe zitiert habe. Obwohl ich nicht genau weiß, ob die eben zitierte Redakteurin Amine Haase durch einen Kunstlehrer noch übertroffen werden kann. Alle reden und fabulieren und schwätzen. Über die Kunstgeschichte. Und das Leben der Maler. Und das Blau des Himmels, das sie mühelos herunterzuholen wissen. Aber sie wissen fast nichts über Maltechniken, und sie selbst können kaum naturalistisch malen. Sie wissen erst recht nichts über altmeisterliche Maltechniken und Malweisen.

Aber sie geben Kindern erbarmungslos Aquarellmalkästen in die Hände, weil die ja für einen Appel und ein Ei im Laden zu haben sind, und verderben aus diesem Grund sogar bei den malerisch Begabten die Freude am Malenlernen, denn nirgendwo gibt es eine noch schwierigere Technik als die des Aquarellierens. Das sieht geradezu nach Kindesmißbrauch aus, wird aber nach dem deutschen StGB nicht bestraft. Es ist so, als würde ein Kunstlehrer Viertklässler auffordern, die Hundertmeterstrecke nach einem leichten Vortraining in weniger als 10 Sekunden zu laufen.

Was in Volkshochschulen usw. in künstlerischer Massenspeisung zustandegebracht wird, finden die Menschen auch noch sehr schön. Gut, daß es das Wort »schön« gibt, denn hinter ihm lassen sich sämtliche kitschigen und unvollkommenen Volkshochschul-Aquarell-Machwerke verstecken. Die Volksseele ist nunmehr nicht mehr zu bremsen und wässert Legionen von Aquarell-Papieren, streicht, kratzt aus, radiert und überklebt, übermalt, verbessert, wirft aber nichts weg, was einmal entstanden ist. Wer sich darüber sehr freut, sind die Schullehrer (»die Kinder haben jetzt was Nützliches zu tun, ach wie hübsch, und die Schulkunststunde ist gerettet«), die Leiter von Volkshochschulen nebst Dozenten und ganz besonders Fabrikanten von Malzubehör und erst recht der Kunstbedarfseinzel- und -großhandel für Bildträger, Farben, Malgeräte, Mal-Utensilien und Bilderrahmen. Und weil die Schülerinnen und Schüler von Volkshochschulkursen in aller Kürze keine einzige Wandfläche Zuhause mehr frei haben, die sie mit ihren Aquarellkunstwerken flächenmäßig noch nicht versteckt haben, müssen Oma und Opa und andere leidgeprüfte Mitmenschen solche Kunstwerke mit allen extraordinären Dankesausbrüchen, derer sie überhaupt fähig sind, entgegennehmen.

Immer noch läßt mir meine eingangs getroffene Feststellung, ich wüßte nicht so recht, was altmeisterliche Malerei ist, keine Ruhe. Ich versuche, zu weiterhin zu klären.

Altmeisterlich ist beispielsweise das, was Rubens gemalt hat.

Na, ist das nicht ein prima Satz? Wer will mir widersprechen und behaupten, Rubens sei keiner gewesen, der altmeisterlich malen konnte? Auf dieser vorbereiteten Unterlage ruhe ich mich erst einmal wie auf einem sanften Ruhekissen aus und brauche nur noch nachzuschlagen, was die Autoren von Kunstbüchern und Redakteure von Kulturseiten des Kölner Stadt-Anzeigers oder vom Rundfunk oder vom Fernsehen über Rubens schreiben, wenn dieser ihnen zwischen die Finger gerät. So, wie er ihnen zwischen die Finger gerät, schreiben sie auch. Nämlich allgemein gnadenlos frei von Fachwissen über alte Maltechniken und Malweisen.

Wenn Autoren und Redakteuren eine andere Aufgabe zuteil wird, nämlich über einen Künstler der heutigen Zeit zu schreiben, sorgen sie zuerst dafür, daß ihnen die Kataloge der Museen und Kunstauktionen zwischen die Finger geraten. Dort ist nämlich vermerkt, welcher Fabrikant (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) welche Bilder (sie heißen jetzt Exponate) angekauft, gestiftet oder zumindest als Dauerleihgabe gespendet hat.

Zusätzlich kann man bei den leitenden Persönlichkeiten der städtischen, provinziellen und ländlichen Kunstvereine und »Initiativen Kunst« anfragen und bekommt, sofern man sich geschickt verhält und sich erst einmal ganz dumm stellt, die allgemeine Kunstmeinung der jeweiligen Kunst-Gegenwartszenen-Koryphäen.

Derart gerüstet läßt sich prima schreiben und fabulieren und reden und dichten und phantasieren und in den Wolken schweben und himmelhoch jauchzen, gelegentlich auch – sofern man ganz mutig bis übermütig ist – auch gegen die finanzielle Entscheidung der Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) ganz leicht kritisieren, etwa in folgender Tonart: »Dies Grün ist eigentlich ein Stich zu grün. Davon hätte der sinngebende Künstler besser einen differenzierteren Touch gegeben. Überhaupt kommen hier geistig-kulturelle Responsibilität und Philosophie des Haptischen ein wenig zu kurz.«.
Moderne Kunst muß folglich jetzt nur noch besprochen werden, und wer am längsten und ausdauerndsten bespricht, Vorträge, Fest- und Fensterreden hält, festigt die gültigen Kunstmaßstäbe, die von den Bimbes-Vorräten der Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) dankenswerterweise ausgegangen waren.

Wer sich in diesem festgefügten System aufhält und die erforderlichen Spielregeln beachtet, lebt nicht etwa in einem Labyrinth, sondern weiß stets, wo er sich befindet (bzw. sich zu befinden hat). Mir geht es leider nicht so, denn ich weiß immer noch nicht so genau, was altmeisterliche Malerei und moderne Kunst der Gegenwart sind, darf aber nicht im Theoretisieren versacken, sondern mache es den Kulturbeflissenen nach und stürze mich auf die Bücher. Allerdings auf andere als jene, die zum reinen Phantasieren mangels Wissen gebraucht werden.

Im Jahr 1965 kam mir der Zufall zur Hilfe. Denn mir wurde von einem Maler »Der Doerner« empfohlen. »Der Doerner« war damals noch unangefochten das zentrale Lehrbuch all jener, die sich die Mühe machten, hinter die Geheimnisse altmeisterlicher Maltechniken und Malweisen zu kommen. Mittlerweile weiß ich, daß Doerner sich in wichtigen Punkten ganz fürchterlich geirrt hat, aber »Der Doerner« war jahrzehntelang die einzige, wirklich brauchbare Bibel aller Suchenden und ist sie beinahe auch heute noch. Und was spricht eigentlich gegen das doernersche Forschungsprinzip »Versuch und Irrtum«? Dieses Prinzip ist gegenwärtig in der gesamten Computerprogrammierung ein fester Arbeitsbestandteil, und aus welchem Grund soll es den Suchenden unter den Malern besser gehen als den Anwendern von Microsoftprodukten, die den Computer regelmäßig animieren, hängenzubleiben, so daß man geneigt ist, beim zwanzigsten Absturz des Tages mit dem Hammer dreinzuschlagen?

Doerner war für mich 1965 der Anlaß, meine gesamte Malweise zu überprüfen und dann konsequent an den Nagel zu hängen. Denn ich wurde ein überzeugter Jünger jener Malweise, die nicht modern ist, sondern von vielen normalbegabten Menschen »naturalistisch« oder «gegenständlich« genannt wird. Naturalistisch malt einer, der Perspektive, Form (einschließlich Beleuchtung) und Farbe der dreidimensionalen Umwelt auf eine zweidimensionale Bildebene umsetzt. Aber derart geschickt, daß es »wie dreidimensional aussieht«. Also ist jeder Maler altmeisterlicher Malweise ein Roßtäuscher. Ich weiß das und darf das öffentlich behaupten, denn auch ich bin ja einer.
Aber seien wir mal ehrlich, ist der gegenwarts-moderne Maler kein Roßtäuscher? Nein, der ist, wenn ich genauer hinschaue, eigentlich kein Roßtäuscher, vielmehr ein Kleiderverkäufer. Der »des Kaisers neue Kleider« schneidert und verkauft. Verkauft, sofern er anfangs einen Fabrikanten findet (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel), der mit dem Ankauf beginnt, weil sein Faktor Mf (= malerische Fähigkeiten des Fabrikanten) und Kg (= persönlicher Kunst-Geschmack des Fabrikanten) dies ungebremst ermöglichen und somit für einen Künstlerkarrierestart sorgen. Nach dem Start geht dann alles wie von alleine.

Nun muß ich innehalten und nachfragen, worüber ich eigentlich schreiben will. Ach ja, es war das Thema »Altmeisterlich malen – geht das überhaupt noch?« Klar, ja doch, es geht noch und es geht nicht mehr.

Es geht noch, weil kluge Professoren rausgekriegt haben, wie die Maler vor 500 Jahren oder 200 Jahren gemalt haben.

Es geht nicht mehr, weil der hauptberufliche Maler, der über kein weiteres Nebeneinkommen verfügt und sich naiverweise traut, altmeisterlich zu malen, spätestens nach drei Wochen verhungert und verdurstet ist. Es sei denn, er geht erfolgreich betteln.

Denn er wird seine in altmeisterlicher Weise gemalten Bilder niemandem verkaufen können. Die Sammler, Museumsleiter und Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel) haben ganze Arbeit geleistet und würden sich ja auch totlachen, käme »ein Fossil von Kunstmaler alter Schule daher«. Wer heute eine andere Ansicht vertritt als die der Fabrikanten (Schokolade, Autozubehör und Klosettdeckel), kann nicht mehr ernst genommen werden, sonst würden die Finanzgebäude des internationalen Kunstmarktes derart fürchterlich zusammenkrachen, daß schon das Nachdenken darüber den Leuten mit dem Bimbes den blanken Angstschweiß auf die Stirn triebe. ... «

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Mail: lienhard@pallast-publisher.com

Tag der letzten Bearbeitung: 05.11.11