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Spiegel-Zitat (Zitat-Ausschnitte)
aus
"Krieg ist Frieden" von Arundhati Roy
Aus Der Spiegel Nr. 44/2001
Zorniger Protest gegen die Bomben auf
Afghanistan
In einem SPIEGEL-Essay nennt die indische
Schriftstellerin Arundhati Roy, 41, den amerikanischen
Bombenkrieg gegen das Taliban-Regime in Kabul "nur
einen weiteren terroristischen Akt" und beklagt den
Tod vieler unschuldiger afghanischer Zivilisten. ...
Als sich am Sonntag, dem 7. Oktober 2001, die
Dunkelheit auf Afghanistan senkte, startete die
US-Regierung ihre Luftangriffe auf Afghanistan,
unterstützt durch die Internationale Koalition gegen den
Terror (den neuen, fügsamen Ersatz für die Vereinten
Nationen). ...
Die Uno, inzwischen auf ein unwirksames Kürzel
reduziert, wurde nicht einmal ersucht, die Luftangriffe
zu genehmigen. (Wie denn Madeleine Albright einst
bemerkte, handeln die USA "multilateral, wenn wir
können, und unilateral, wenn wir müssen".) Die
"Beweise" gegen die Terroristen wurden in der
"Koalition" unter Freunden herumgereicht. Nach
dem Treffen ließ man verlauten, es spiele keine Rolle,
ob die "Beweise" vor einem ordentlichen Gericht
Bestand hätten oder nicht. Auf diese Weise wurden in
einem Augenblick Jahrhunderte der Rechtsprechung
fahrlässig zunichte gemacht.
Nichts kann einen terroristischen Akt entschuldigen oder
rechtfertigen, ganz gleich, ob er von religiösen
Fundamentalisten, von Milizen, von Widerstandsbewegungen
begangen wird - oder ob er als Vergeltungskrieg einer
anerkannten Regierung daherkommt. Die Bombardierung
Afghanistans ist keine Rache für New York und
Washington. Sie ist nur ein weiterer terroristischer Akt
gegen die Menschen auf der Welt. Jede unschuldige Person,
die getötet wird, muss hinzugezählt werden, nicht
verrechnet mit der entsetzlichen Zahl der in New York und
Washington gestorbenen Zivilisten.
Selten werden Kriege von Menschen gewonnen, selten werden
sie von Regierungen verloren. Menschen kommen um,
Regierungen häuten und regenerieren sich wie das Haupt
der Hydra. Sie verwenden Flaggen, um erst die Hirne der
Leute luftdicht einzuwickeln und echtes Nachdenken zu
ersticken und dann, um sie als feierliche Leichentücher
über die verstümmelten Toten zu breiten. Auf beiden
Seiten, in Afghanistan wie in Amerika, dienen Zivilisten
heute ihren Regierungen und deren Aktionen als Pfand. ...
Es gibt keinen einfachen Weg aus dem brodelnden Morast
von Terror und Brutalität, dem die Welt heute
gegenübersteht. Es wird Zeit für die Menschen
innezuhalten. Was am 11. September geschah, hat die Welt
für immer verändert. Freiheit, Fortschritt, Wohlstand,
Technik, Krieg - diese Begriffe haben eine neue
Bedeutung. Regierungen müssen die Veränderung einsehen
und ihre neuen Aufgaben mit einem Körnchen Ehrlichkeit
und Demut angehen. Leider fehlt bis heute jedes Zeichen
von Einsicht bei den Führern der Internationalen
Koalition. Oder den Taliban.
Als Präsident Bush die Luftangriffe ankündigte, sagte
er: "Wir sind eine friedliche Nation." Amerikas
Lieblingsbotschafter Tony Blair (gleichzeitig Premier von
Großbritannien) betete nach: "Wir sind ein
friedliches Volk."
Jetzt wissen wir Bescheid. Schweine sind Pferde. Mädchen
sind Jungen. Krieg ist Frieden.
Ein paar Tage später sagte Präsident Bush in einer Rede
vor dem FBI: "Dies ist unsere Berufung. Die Berufung
der Vereinigten Staaten von Amerika. Der freiesten Nation
der Welt. Einer Nation, die sich auf fundamentale Werte
gründet, gegen Hass, gegen Gewalt, gegen Mörder und
gegen das Böse. Wir werden nicht weichen."
Hier folgt eine Liste von Ländern, mit denen Amerika
seit dem Zweiten Weltkrieg Krieg geführt hat, die es
bombardiert hat oder in denen es zumindest in
kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war: Korea
(1950 bis 1953), Guatemala (1954, 1967 bis 1969),
Indonesien (1958), Kuba (1959 bis 1961), Belgisch-Kongo
(1965), Laos (1964 bis 1973), Vietnam (1961 bis 1973),
Kambodscha (1969 bis 1970), Grenada (1983), Libyen
(1986), El Salvador (achtziger Jahre), Nicaragua
(achtziger Jahre), Panama (1989), Irak (seit 1991),
Bosnien (1995), Sudan (1998), Jugoslawien (1999). Und
jetzt Afghanistan.
Bestimmt wird sie nicht weichen - diese freieste Nation
der Welt. Doch welche Freiheit hält sie denn aufrecht?
Innerhalb der eigenen Grenzen Redefreiheit,
Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit; die des
künsterischen Ausdrucks, der Essgewohnheiten, der
sexuellen Vorlieben (na ja, bis zu einem gewissen Grad)
und vieles andere, alles ganz musterhaft und wunderbar.
Außerhalb der eigenen Grenzen die Freiheit zu
dominieren, zu erniedrigen und zu unterwerfen -
gewöhnlich unter die wahre Religion Amerikas, den
"freien Markt". Wenn also die US-Regierung
einen Krieg Operation "Grenzenlose
Gerechtigkeit" tauft oder Operation "Dauerhafte
Freiheit", dann spüren wir in der Dritten Welt mehr
als leise Furcht. Weil wir wissen, dass Grenzenlose
Gerechtigkeit für die einen Grenzenlose Ungerechtigkeit
für die anderen bedeutet. Und Dauerhafte Freiheit für
die einen Dauerhafte Unterjochung für die anderen.
Die Internationale Koalition gegen den Terror ist vor
allem eine Intrige der reichsten und mächtigsten Länder
der Welt. Sie produzieren und verkaufen fast alle Waffen
der Welt, sie besitzen den größten Bestand an
chemischen, biologischen und nuklearen
Massenvernichtungswaffen. Sie haben die meisten Kriege
geführt, sind die Hauptverantwortlichen der modernen
Geschichte für Völkermorde, Unterwerfungen, ethnische
Säuberungen und Menschenrechtsverletzungen, haben
ungezählte Diktatoren und Despoten gefördert, bewaffnet
und finanziert. Sie huldigen einem Kult der Gewalt, sie
haben den Krieg förmlich zum Gott erhoben. Bei all ihren
abscheulichen Vergehen kommen die Taliban da wirklich
nicht mit.
Die Taliban entstanden in den Nachwehen des Kalten
Krieges im brüchigen Sammelbecken voll Schutt, Heroin
und Landminen. Ihre ältesten Führer sind gerade Anfang
vierzig. Viele von ihnen sind entstellt und verkrüppelt,
haben ein Auge verloren oder einen Arm, ein Bein. Sie
sind aufgewachsen in einer beschädigten und durch den
Krieg verwüsteten Gesellschaft. Insgesamt sind aus der
Sowjetunion und Amerika seit über 20 Jahren Waffen und
Munition im Wert von etwa 45 Milliarden Dollar nach
Afghanistan geflossen.
Die neuesten Waffen waren das einzig Moderne, das in
diese im Innersten mittelalterliche Gesellschaft
vordrang. Die kleinen Jungen - viele von ihnen verwaist
-, die damals aufwuchsen, hatten Gewehre als Spielzeug
und erlebten nie die Geborgenheit und den Trost einer
Familie, nie die Gesellschaft von Frauen. Heute, als
Erwachsene und Herrscher, da schlagen, steinigen,
vergewaltigen und misshandeln die Taliban Frauen, sie
scheinen nicht zu wissen, was sie sonst mit ihnen
anfangen sollen. Jahrelanger Krieg hat ihnen ihre
Sanftheit genommen, sie gegen Freundlichkeit und
Mitgefühl immun gemacht. Sie tanzen zu den stampfenden
Rhythmen der Bomben, die um sie herum niederregnen. Jetzt
richten sie ihre Grausamkeit gegen das eigene Volk.
Bei allem Präsident Bush geschuldeten Respekt: Die
Menschen auf der Welt müssen nicht zwischen den Taliban
und der US-Regierung wählen. Alles Schöne der
menschlichen Zivilisation - unsere bildende Kunst, unsere
Musik, unsere Literatur - befindet sich jenseits dieser
beiden fundamentalistischen, ideologischen Pole. Die
Aussicht, dass alle Menschen auf der Welt zu
mittelständischen Verbrauchern werden können, ist
ebenso unrealistisch wie die, dass alle einer einzigen
Religion folgen werden.
Es geht ja nicht um Gut gegen Böse oder um Islam gegen
Christentum, sondern um Raum. Darum, dass man
Unterschiede miteinander in Einklang bringt, dass man den
Drang nach Hegemonie zügelt - jeder Art von Hegemonie,
sei sie ökonomisch, militärisch, sprachlich, religiös
oder kulturell. Jeder Ökologe wird Ihnen sagen, wie
gefährlich und empfindlich eine Monokultur ist. Eine
hegemoniale Welt lässt sich mit einer Regierung ohne
gesunde Opposition vergleichen. Sie wird zu einer Art
Diktatur. Als stülpte man eine Plastiktüte über die
Welt und hinderte sie am Atmen. Doch diese Tüte wird
schließlich aufgerissen.
Eineinhalb Millionen Afghanen haben ihr Leben verloren in
den mehr als 20 Jahren des Konfliktes, der diesem neuen
Krieg vorausging. Afghanistan wurde in Trümmer gelegt,
jetzt werden diese Trümmer zu feinem Staub zerrieben. Am
zweiten Tag des Luftangriffs kehrten die US-Piloten zu
ihren Basen zurück, ohne die ihnen zugeteilte Nutzlast
an Bomben abgeworfen zu haben. Einem der Piloten zufolge
ist Afghanistan "kein an Zielen reiches
Territorium". Donald Rumsfeld,
US-Verteidigungsminister, wurde auf einer Pressekonferenz
im Pentagon gefragt, ob Amerika die Ziele abhanden
gekommen seien.
"Erstens werden wir Ziele zum zweiten Mal
treffen", sagte er, "und zweitens, nicht uns
kommen die Ziele abhanden, sondern Afghanistan." Was
im Konferenzsaal mit einer Lachsalve begrüßt wurde.
Am dritten Tag des Luftschlages prahlte das
US-Verteidigungsministerium, man habe die
"Lufthoheit über Afghanistan erlangt".
(Wollten sie damit sagen, dass sie beide - oder sind es
gar 16? - afghanischen Flugzeuge zerstört hätten?)
In Afghanistan gewinnt die Nordallianz - der alte Feind
der Taliban und damit der neueste Freund der
Internationalen Koalition - an Boden beim Vorstoß auf
die Eroberung Kabuls. (Für die Archive soll noch
erwähnt sein, dass die Taten der Nordallianz sich von
denen der Taliban nicht sonderlich unterscheiden. Doch
wird dieses störende Detail vorerst vertuscht.) Der
sichtbare, moderate, "akzeptable" Führer der
Allianz, Ahmed Schah Massud, starb Anfang September durch
ein Selbstmord-Attentat. Der Rest der Nordallianz ist ein
brüchiger Verband brutaler Kriegsherren, Ex-Kommunisten
und unbeugsamer Kleriker. Eine in verschiedene ethnische
Fraktionen zerrissene Gruppe, deren Mitglieder früher
die Wonnen der Macht in Afghanistan gekostet haben.
Bis zu den US-Luftschlägen kontrollierte die Nordallianz
etwa zehn Prozent Afghanistans. Heute, mit Hilfe der
Koalition und "Unterstützung aus der Luft",
ist sie bereit, die Taliban zu stürzen. Mittlerweile
laufen die Soldaten der Taliban zur Nordallianz über,
aus Angst vor einer unmittelbar drohenden Niederlage. Die
kämpfenden Truppen sind also damit beschäftigt, die
Seiten und die Uniformen zu wechseln. Doch bei einem
zynischen Unterfangen wie diesem hat das wohl wenig zu
bedeuten. Liebe ist Hass, Nord ist Süd, Frieden ist
Krieg.
Die globalen Mächte reden davon, eine
"repräsentative Regierung einzusetzen". Oder
aber den 87-jährigen ehemaligen König von Afghanistan
wieder "einzusetzen", Zahir Schah, der seit
1973 im römischen Exil lebt. So läuft das Spiel. Erst
heißt es: Unterstützt Saddam Hussein, dann: Schafft ihn
beiseite; erst: Finanziert die Mudschahidin, dann:
Zerbombt sie in tausend Stücke; jetzt also: Setzt Zahir
Schah ein und wartet ab, ob er artig ist. (Kann man eine
repräsentative Regierung "einsetzen"? Kann man
sich eine Portion Demokratie bestellen - mit Extra-Käse
und Jalapeño-Chilis?)
Langsam sickern Berichte über die Opfer in der
Zivilbevölkerung durch, über sich leerende Städte,
weil die afghanischen Landeskinder an die Grenzen
drängen, die geschlossen sind. Wichtige
Durchgangsstraßen wurden in die Luft gejagt oder
gesperrt. Sachkundige, die in Afghanistan gearbeitet
haben, sagen, dass bis Anfang November keine
Lebensmitteltransporte bei den Millionen Afghanen (7,5
Millionen laut Uno) eintreffen können, die unmittelbar
davon bedroht sind, im kommenden Winter zu verhungern.
Sie sagen, dass es in den wenigen Tagen bis Winteranbruch
entweder den Krieg oder den Versuch geben kann,
Lebensmittel zu den Hungernden zu bringen. Nicht beides.
Als Geste der Menschlichkeit hat die US-Regierung zu
Beginn der Luftangriffe 37 000 Notrationen über
Afghanistan abgeworfen. Sie sagt, sie plane, insgesamt
500 000 Päckchen abzuwerfen. Auch das bedeutet nur eine
einzige Mahlzeit für 500 000 der Millionen von Menschen,
die dringend Nahrung brauchen. Mitarbeiter von
Hilfsorganisationen verdammen dies als eine zynische,
gefährliche PR-Maßnahme. Sie halten
Lebensmittelrationen aus der Luft für mehr als sinnlos.
Erstens, weil die Päckchen nie bei denen landen, die sie
wirklich nötig haben, zweitens und schlimmer, weil alle,
die hinlaufen, um sie einzusammeln, riskieren, von
Landminen zerrissen zu werden. Ein tragisches Rennen um
Almosen.
Immerhin bekamen die Notpäckchen ihren exklusiven
Fototermin. Ihr Inhalt wurde in den großen Zeitungen
aufgelistet. Sie waren vegetarisch, erfuhren wir, gemäß
den muslimischen Ess-Regeln(!). Die gelben, mit der
amerikanischen Flagge verzierten Päckchen enthalten:
Reis, Erdnussbutter, Bohnensalat, Erdbeermarmelade,
Kekse, Fladenbrot, einen Apfel-Müsli-Riegel, Gewürze,
Streichhölzer, Plastikbesteck, eine Serviette und eine
illustrierte Gebrauchsanweisung.
Nach drei Jahren anhaltender Dürre ein Airline-Mahl vom
Himmel hoch in Dschalalabad! Das Niveau der kulturellen
Dummheit, das fehlende Verständnis dafür, was
monatelanger, erbarmungsloser Hunger und bittere Armut
wirklich bedeuten, der Versuch der US-Regierung, noch
durch das äußerste Elend das eigene Selbstverständnis
aufzubessern, lässt sich nicht in Worte fassen.
Drehen Sie doch dieses Szenario einmal um. Stellen Sie
sich vor, die Taliban-Regierung bombardierte New York und
redete unentwegt davon, ihr wahres Ziel sei die
US-Regierung und deren Politik. Und angenommen, in den
Bombenpausen würfen die Taliban ein paar tausend
Päckchen mit Nan und Kebab ab, aufgespießt auf kleine
afghanische Flaggen. Hätten die guten Leute von New York
je die Größe, der afghanischen Regierung zu vergeben?
Selbst wenn sie hungrig wären, wenn sie das Essen
bräuchten und wenn sie es äßen, wie könnten sie je
diese Beleidigung vergessen, diese Herablassung? Der New
Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani schickte das
Geschenk eines saudischen Prinzen über 10 Millionen
Dollar zurück, weil ein kleiner freundlichen Rat zur
amerikanischen Nahost-Politik beilag. Ist Stolz ein
Luxus, der nur den Reichen zusteht?
Weit davon entfernt, den Terrorismus auszumerzen, lässt
eine solche Wut ihn erst entstehen. Hass und Vergeltung
können nicht mehr rückgängig gemacht werden, sind sie
einmal entstanden. Für jeden "Terroristen",
jeden "Handlanger" der getötet wird, werden
auch Hunderte unschuldiger Menschen getötet. Und an die
Stelle von hundert Unschuldigen, die sterben mussten,
treten wahrscheinlich ein paar künftige Terroristen.
Wo wird das alles enden?
Vergessen Sie einmal die Rhetorik und überlegen Sie,
dass die Welt bisher keine vernünftige Definition von
"Terrorismus" kennt. Des einen Terrorist ist
nur allzu oft des anderen Freiheitskämpfer. Im Kern der
Sache steckt eine weltweit tief sitzende Ambivalenz
gegenüber der Gewalt. Ist Gewalt erst einmal als
legitimes Instrument der Politik akzeptiert, wird aus der
Moral und der politischen Akzeptanz von Terroristen
(Aufständische oder Freiheitskämpfer) umstrittenes,
unwegsames Terrain.
Weltweit hat auch die US-Regierung zahlreiche Rebellen
und Aufständische finanziert, bewaffnet und beherbergt.
Die CIA und Pakistans ISI haben die Mudschahidin
instruiert und bewaffnet - in den achtziger Jahren
Terroristen für die Regierung im sowjetisch besetzten
Afghanistan. Während der damalige Präsident Reagan mit
ihnen für ein Gruppenfoto posierte und sie als
moralisches Ebenbild der amerikanischen Gründungsväter
hinstellte.
Heute fördert Pakistan - Amerikas Verbündeter in diesem
neuen Krieg - Aufständische, die ins indische Kaschmir
gehen. Pakistan rühmt sie als
"Freiheitskämpfer". Indien nennt sie
"Terroristen". Indien wiederum brandmarkt
Länder, die Terrorismus fördern und begünstigen, doch
Indiens Armee hat früher separatistische tamilische
Rebellen ausgebildet, die eine Heimat für sich in Sri
Lanka forderten - sie sind verantwortlich für zahllose
blutige Terroranschläge. (So, wie die CIA die
Mudschahidin fallen ließ, als sie ihren Zweck erfüllt
hatten, kehrte Indien den tamilischen Rebellen aus
vielerlei politischen Gründen abrupt den Rücken. Es war
eine aufgebrachte tamilische Selbstmordattentäterin, die
1991 den ehemaligen indischen Premier Rajiv Gandhi
ermordete.)
Regierungen und Politiker müssen begreifen, dass es zwar
kurzfristige Resultate bringen kann, diese enormen,
blindwütigen Gefühle der Menschen für eigene,
engstirnige Zwecke zu manipulieren, dass dergleichen aber
unerbittlich katastrophale Folgen hat. Religiöse
Gefühle aus Gründen der politischen Nutzbarkeit zu
entfachen und auszunutzen ist das gefährlichste
Vermächtnis, das Regierungen oder Politiker einem Volk
hinterlassen können - auch ihrem eigenen. Menschen, die
in einer durch religiöse oder kommunale Bigotterie
zerrütteten Gesellschaft leben, wissen, dass jeder
religiöse Text - von der Bibel bis zur Bhagawadgita -
untergraben und fehlinterpretiert werden kann, um alles
vom Atomkrieg über Völkermord bis zur kollektiven
Globalisierung zu rechtfertigen.
Dies soll nicht heißen, dass die Terroristen, die am 11.
September das Entsetzliche getan haben, nicht verfolgt
und zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Das müssen
sie. Ist aber ein Krieg der beste Weg, um sie
aufzuspüren? Wird man die Nadel finden, wenn man den
Heuhaufen niederbrennt? Oder wird es den Zorn schüren
und die Welt zur wahren Hölle für uns alle machen?
Wie viele Leute kann man denn schließlich ausspionieren,
wie viele Bankkonten einfrieren, wie viele Gespräche
belauschen, wie viele E-Mails abfangen, wie viele Briefe
öffnen, wie viele Telefone abhören? Schon vor dem 11.
September hatte die CIA mehr Informationen
zusammengetragen, als sich in einem Menschleben auswerten
lassen. Das schiere Ausmaß der Überwachung wird zum
logistischen, ethischen und bürgerrechtlichen Alptraum.
Es wird uns glatt um den Verstand bringen. Und die
Freiheit - dieses kostbare Gut - wird ihr erstes Opfer.
Sie ist jetzt schon schwer verletzt und blutig
geschlagen.
Regierungen in der ganzen Welt verwerten die herrschende
Paranoia zynisch für ihre eigenen Interessen. Alles
Mögliche an unvorhersehbaren politischen Kräften wird
freigesetzt. In Indien, zum Beispiel, sind Mitglieder des
"All India People's Resistance Forum" im
Gefängnis, weil sie in Delhi Antikriegs- und
Anti-US-Pamphlete verteilten. Sogar der Drucker dieser
Streitschriften wurde verhaftet. Die rechtsgerichtete
Regierung (die gleichzeitig extremistische hinduistische
Gruppen wie die "Vishna Hindu Parishad" und die
"Bajrang Dal" schützt) hat das "Students
Islamistic Movement of India" verboten und versucht,
ein Antiterror-Gesetz neu aufzulegen, das kassiert wurde,
nachdem die Menschenrechtskommission berichtete, es werde
mehr missbraucht als gebraucht. Millionen indischer
Bürger sind Muslime. Bringt es irgendeinen Nutzen, wenn
man sie ausgrenzt?
Mit jedem Tag, den der Krieg dauert, überschwemmen
blindwütige Emotionen die Welt. Die internationale
Presse hat wenig oder gar keinen freien Zugang zum
Kriegsgebiet. Die Mainstream-Medien, besonders die
amerikanischen, sind jedenfalls mehr oder weniger
umgefallen und lassen sich gern den Bauch pinseln durch
Pressemappen von Militärs und Regierungsbeamten.
Afghanische Radiosender sind ausgebombt. Die Taliban
hatten für die Presse schon immer nur tiefes Misstrauen
übrig. In einem Propagandakrieg gibt es keine genaue
Einschätzung darüber, wie viele Menschen getötet
wurden oder wie groß die Zerstörung war. Ohne
verlässliche Informationen wuchern die Gerüchte.
Wenn Sie in diesem Teil der Welt Ihr Ohr auf die Erde
legen, dann können Sie das Dröhnen hören, den
tödlichen Trommelwirbel des aufwallenden Zorns. Bitte,
bitte stoppen Sie den Krieg jetzt! Genug Menschen sind
gestorben. Die schlauen Raketen sind einfach nicht schlau
genug. Sie bringen endlose, unterdrückte Wut zum
Explodieren.
Präsident George Bush prahlte neulich, es sei ja wohl
Unsinn, "mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Rakete auf
ein leeres Zelt oder einen Kamelhintern zu
schießen". Präsident Bush sollte wissen, dass es
in Afghanistan keine Ziele gibt, die den Preis seiner
Raketen wert sind. Vielleicht sollte er ein paar
billigere Raketen für billigere Ziele und billigere
Leute in den armen Ländern der Welt bauen, und wäre es
nur für den Etatausgleich. Doch das erschiene am Ende
den Waffenherstellern der Koalition als nicht sehr
vernünftig, geschäftlich gesehen.
Und vergessen Sie nicht, dass Präsident George Bush
junior und Vize-Präsident Dick Cheney beide ihr
Vermögen der Ölindustrie verdanken. Allein
Turkmenistan, das an den Nordwesten Afghanistans grenzt,
verfügt über gewaltige Gasvorkommen und geschätzte
drei Milliarden Barrel Ölreserven. Amerika hat Öl immer
als Sicherheitsfrage betrachtet und mit allen Mitteln
geschützt, die es für nötig erachtete. Wenige von uns
bezweifeln, dass seine militärische Präsenz im Golf
weniger mit seinen Sorgen um die Menschenrechte als mit
seinem strategischen Interesse am Öl zusammenhängt.
Öl und Gas aus der Kaspischen Region fließen
gegenwärtig nordwärts auf die europäischen Märkte zu.
Geografisch wie politisch bilden Iran und Russland große
Hindernisse für die amerikanischen Interessen. 1998
sagte Dick Cheney - damals Chef von Halliburton, einem
wichtigen Player in der Ölindustrie: "Ich kann mich
an keinen Zeitpunkt erinnern, wo für uns eine Region so
plötzlich strategisch so wichtig wurde wie die
kaspische. Fast scheint es, als wären die Gelegenheiten
über Nacht entstanden." Wie wahr.
Seit einigen Jahren nun verhandelt ein amerikanischer
Ölgigant namens Unocal mit den Taliban über die
Genehmigung, eine Ölpipeline durch Afghanistan nach
Pakistan bis ins Arabische Meer zu bauen, weil Unocal
sich einen Zugang zu den lukrativen "Emerging
Markets" in Süd- und Südost-Asien erhofft. 1997
reiste eine Abordnung der Taliban nach Amerika und traf
in Houston sogar mit Beamten des US-Außenministeriums
und mit Unocal-Führungskräften zusammen.
Anders als heute galten damals die Vorliebe der Taliban
für öffentliche Hinrichtungen und ihre Behandlung
afghanischer Frauen nicht als Verbrechen gegen die
Menschlichkeit. Während der folgenden Monate übten
Hunderte erzürnter amerikanischer Feministinnen-Gruppen
Druck auf die Clinton-Regierung aus. Erfreulicherweise
schafften sie es, den Handel platzen zu lassen. Und jetzt
kommt die große Chance der US-Ölindustrie.
In Amerika werden die Waffenindustrie, die Ölindustrie,
die großen Medien-Konglomerate und selbst die
US-Außenpolitik sämtlich von den gleichen Kartellen
kontrolliert. Daher kann man kaum erwarten, dass ein
Diskurs über Gewehre und Öl und Verteidigungsabkommen
ernsthaft in den Medien behandelt wird. Jedenfalls trifft
das Geschwätz über den "Kampf der Kulturen",
das Gerede von "Gut gegen Böse" genau auf ein
ratloses Volk, dessen Stolz gerade verwundet wurde,
dessen Angehörige tragisch ums Leben kamen, dessen Zorn
frisch und heftig ist. Der wird von Regierungssprechern
zynisch verbreitet, als handelte es sich um die tägliche
Dosis Vitamine oder Antidepressiva. Diese regelmäßige
Arznei garantiert, dass Amerika weiterhin das Rätsel
bleibt, das es immer war - ein merkwürdiges Inselvolk,
verwaltet von einer krankhaft aufdringlichen, verworrenen
Regierung.
Und was ist mit dem Rest von uns, den betäubten
Empfängern all dessen, das wir als groteske Propaganda
wahrnehmen? Den täglichen Konsumenten von Lügen und
Brutalitäten, die mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade
beschmiert aus der Luft in unsere Köpfe abgeworfen
werden, ganz wie diese gelben Lebensmittelpäckchen?
Sollen wir wegschauen und schlucken, was man uns zuwirft?
Sollen wir das grimmige Theater ungerührt mitansehen,
das sich in Afghanistan abspielt, bis wir im Kolletiv
röcheln und mit einer Stimme rufen, dass wir genug
haben?
Während das erste Jahr des neuen Millenniums dem Ende
entgegeneilt, fragt man sich: Haben wir das Recht zu
träumen verwirkt?
Werden wir uns je wieder Schönheit vorstellen können?
Wird es je wieder möglich sein, den langsamen,
erstaunten Lidschlag eines neugeborenen Geckos in der
Sonne zu beobachten oder einem Murmeltier leise zu
antworten, das uns etwas ins Ohr gewispert hat - ohne
dass wir an das World Trade Center denken müssen oder an
Afghanistan?
ÜBERSETZUNG: ILSE LANGE-HENCKEL
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