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Vorseite Leseprobe 6 (Text leicht gekürzt):
(Nachwort und
Endnoten)
Nachwort
Die Bibel ist nichts anderes als ein religiöses Gefüge
von Vorschriften, Weisheitssprüchen und Erzählungen. Dieses
Gefüge, ein System weitverzweigter Wahrheiten und
Unwahrheiten, »läuft wie geschmiert«, weil es für die
meisten Menschen wegen seiner unüberschaubaren Fülle an
Begebenheiten und seiner zahlreichen widersprüchlichen
Darstellungen undurchsichtig ist. Wer geduldig
jahrelanges Quellenstudium betreibt, wird in seinem
Urteilsvermögen selbständig werden. Kaum jemand hat
dafür Zeit. Also verlassen sich die Gläubigen praktisch
vollständig auf ihre Vorbeter. Z. B. die
Militärgeistlichen. Was sollten sie auch anderes tun?
Die Bibel lädt geradezu ein, auszuwählen, was dem
eigenen Hang zum frömmlerischen Onanieren entgegenkommt
und somit zur Verschleierung aller Wahrheiten beiträgt.
Ein Beispiel will ich vorstellen. Ende 1945, wenige
Monate nach Kriegsende, erlebte ich als neunjähriges
Kind ein Krippenspiel mit fürchterlich vielen Zutaten an
Religionskitsch. Ein Mädchen mit sanften Augen war
Maria, ein Mädchen mit noch einfältigerer Miene und
einem viel zu großen Herrenhut auf dem Kopf der Heilige
Josef; andere Mädchen waren die heiligen drei Könige
sowie die Hirten vom Feld, und alle weiteren Darsteller
waren auch Mädchen. Sogar die Engeldarstellerinnen,
durch deren himmlisches Engagement jede Weihnachtsfeier
überhaupt erst den letzten Schliff bekam, hatten ihre
BDM-Zöpfe oder -Schnecken aufgelöst und standen da
sorgfältig nach Größe sortiert in
prächtig wallendem Haar, mit angehängten Pappflügeln,
brennender Kerze und den besten fußlangen Nachthemden,
die noch frei von Mottenlöchern waren.
Aufgrund dieses »himmlischen« Krippenspiels war ich
damals zu der Auffassung gelangt, echtes Christentum habe
naturgemäß hochgradig gefühlsschwanger, rührselig,
sentimental-kitschig und erdentrückt zu sein. Diesen
Irrtum habe ich jedoch nach Beendigung meiner Kindheit
ohne fremdes Zutun bemerkt. Die meisten Menschen denken
heutzutage immer noch wie ich zur Zeit meiner Kindertage
und gehen nur zu dem einen Zweck in die Kirche,
andächtig zu sein und heilige Gefühle und wer weiß
noch was an Entzückt- und Entrücktheiten zu kriegen.
Mein größtes persönliches Lebenserlebnis und
-abenteuer war mit vierzehn Lebensjahren die Entdeckung
der gedanklichen Selbständigkeit; ich konnte plötzlich
kritisch denken, ohne auf die Meinung der Erwachsenen
hören zu müssen. Ich spürte jetzt deutlich, daß wir
in der Nazizeit dazu erzogen wurden, in einem System
gebraucht und verbraucht zu werden. Das »System Bibel«
gehörte in diesen Gesamtkontext.
Dieses persönliche Ereignis kam fast wie über Nacht und
schaffte in mir eine Art Glücksgefühl. Seitdem bin ich
ein mißtrauischer Mensch. Ich weiß, daß ich allezeit
selbständig denken muß und immer nur selbständig. Kein
Weg führt daran vorbei! Die geistige Selbständigkeit
hilft, nicht vereinnahmt zu werden; vereinnahmt zum Ge-
und Verbrauch durch Organisationen in Systemen. Wie sehr
die Menschen mittels vorangegangenen selektiven
Religionsunterrichts im Bereich des Militärs ge-, ver-
und mißbraucht werden, zeige ich anhand eines Beispiels
auf.
Im Januar 1994 hatte ich vor dem Kölner Dom als
Demonstrant gegen einen Soldatengottesdienst (gehalten
von Kardinal Meisner, wer sonst?) eine Diskussion mit
einigen Soldaten des deutschen Militärs. Auf meinem
Demo-Transparent stand: »Christentum und Soldatentum
schließen sich aus«. Die anwesenden Soldaten wollten
mir und weiteren Demonstranten nachweisen, daß Jesus
nicht gegen das Militär eingestellt war, Christentum und
Soldatentum daher bestens zusammengehörten; auch die
Gewaltfreiheit Jesu habe ihre eindeutigen Grenzen. Zur
Begründung erinnerten sie mich an die biblische
Geschichte des Hauptmanns von Kapharnaum, den sie aus
ihrem Religionsunterricht kannten (oder war es der
Unterricht des Militärseelsorgers?). Die Soldaten waren
davon überzeugt, daß diese Geschichte beweise, ein
Christ könne auch ein Soldat sein und umgekehrt. Aber
wie bei allen Evangelienerzählungen, in denen
Widersprüche sichtbar werden, ist auch an dieser Sache
etwas nicht koscher.
Der Hauptmann von Kapharnaum scheint, wenn man
Nachforschungen anstellt, ein gut getarntes Kuckucks-Ei
in Sachen »eingeschmuggelter Militarismus als
Normalität« (Mt8,5; Lk7,1; Joh4,46) zu sein.
Dieser Hauptmann kommt im ältesten Evangelium, dem
Markusevangelium, noch nicht vor. Auch im
Thomasevangelium (»Evangelium aus dem Nilsand«,
gefunden erst 1945) ist er nicht enthalten. Zu Zeiten des
ersten Evangelisten dachte man vermutlich noch absolut in
den christlichen Kategorien »Feindesliebe sowie
Vergeltungs- und Tötungsverbot«.
Zehn Jahre später bei Matthäus gibt es diesen Hauptmann
und die mit ihm zusammenhängende
Wunderheilungsgeschichte zum erstenmal, und ausgerechnet
sein Diener (in Wirklichkeit sein Sklave, denn Sklaven
werden in kirchenkapitalistischen Übersetzungen immer
rücksichtslos mit »Diener« verniedlicht) ist gelähmt
und schmerzgepeinigt. Hier läßt sich der Hauptmann noch
herab und geht selbst zu Jesus, um eine Wunderheilung zu
veranlassen.
Zwanzig Jahre später ist es bei Lukas zwar immer noch
ein Hauptmann, aber der Kranke (immer noch ein Sklave)
ist bereits sein Lieblingssklave (die Vermutung liegt
nahe, daß dieser beschriebene Hauptmann schwul war).
Außerdem ist dieser Hauptmann der ausgesprochene
Liebling der Juden, denn er hat den Juden eine Synagoge
gebaut, und Jesus war schließlich Jude (und ist bis zu
seinem Tod Jude geblieben zum nicht endenwollenden
Entsetzen vieler Gläubiger, die aus ihm gern den ersten
Christen und original Christenkirchenerfinder gemacht
hätten). Aber dieser Hauptmann ist bereits so ranghoch,
daß er es nicht mehr nötig hat, selbst zu Jesus zu
gehen; er schickt Gesandte zu Jesus. Nicht irgendwelche,
nein, einige angesehene Männer der jüdischen Gemeinde,
und läßt durch diese seinen Wunsch ausrichten.
Dreißig Jahre später im Johannesevangelium, dem leicht
obskuren, ist der Hauptmann nicht mehr Hauptmann, also
kein Soldat mehr, sondern nach biblischer Beförderung
bereits ein »rein oberschichtiger« königlicher Beamter
allerbester Sorte (ein »Mann im Dienst des Königs«, so
übersetzt Luther, und ich tippe auf den
Gegenwarts-Vergleich mit einem Staatssekretär), und
nicht etwa sein Lieblingssklave liegt im Sterben, sondern
sein eigen Kind. Auch dieser Beamte besitzt wie
selbstverständlich Sklaven, aber oh Wunder
dieser Hochgestellte läßt sich herab, selbst zu Jesus
zu gehen.
Die Bedeutung dieses militärischen Kuckucks-Eies bei
Matthäus und Lukas liegt in der unterschwellig wirkenden
Selbstverständlichkeit, in der Militär und Diener
(Sklaven!) anstandslos-harmlos in Jesu direkter
Nachbarschaft künstlich angesiedelt werden, eine ganz
normale Rolle spielen, keinen Anstoß erregen, und somit
in der Gesellschaft als normal und unabänderlich
hingenommen werden.
Neben den Kuckucks-Eiern war ganz besonders die
»Schwäche des Ge-dächtnisirrtums« verantwortlich für
mangelhafte, irrige, ja falsche mündliche Weitergabe und
Verbreitung der Evangelieninhalte einschließlich
Verbreitung der entstandenen Irrtümer und darauf
fußender fehlerhafter Aufzeichnungen. Ob darunter auch
Irrtümer fallen, denen die Militärseelsorger
unterliegen? Militärseelsorger stellen keine Ausnahmen
dar. Ich möchte abschließend anhand eines lebendigen,
humorvollen Beispiels erläutern, wie schnell sich der
Gedächtnisirrtum einstellt, und bringe, was vor Jahren
gleich in mehreren Zeitungen und Zeitschriften als
wunderschöne Satire nachzulesen war:
Zitat aus »Der Dienstweg«:
»Der Oberst zum Adjudanten: Morgen früh um neun
ist eine Sonnenfinsternis, etwas, was nicht alle Tage
passiert. Die Männer sollen im Drillich auf der
Kompaniestraße antreten und sich das seltene Schauspiel
ansehen. Ich werde es ihnen erklären. Falls es regnet,
werden wir nichts sehen. Dann sollen sie alle in die
Sporthalle gehen."
Der Adjudant später zum Hauptmann: Befehl von
Herrn Oberst: Morgen früh um neun ist eine
Sonnenfinsternis. Wenn es regnet, kann man sie von der
Kompaniestraße aus nicht sehen, dann findet sie im
Drillich in der Sporthalle statt, etwas, was nicht alle
Tage passiert."
Der Hauptmann später zum Leutnant: Befehl von
Herrn Oberst: Morgen früh um neun im Drillich Einweihung
der Sonnenfinsternis in der Sporthalle. Der Herr Oberst
wird Befehl geben, falls es regnet, etwas, was alle Tage
passiert."
Der Leutnant später zum Kompaniefeldwebel: Morgen
um neun wird der Oberst im Drillich in der Sporthalle die
Sonne verfinstern, wie es alle Tage passiert, wenn es ein
schöner Tag ist; wenn es regnet, dann auf der
Kompaniestraße."
Der Kompaniefeldwebel später zum Unteroffizier:
Morgen um neun Verfinsterung des Oberst im Drillich
wegen der Sonne. Wenn es in der Sporthalle regnet, was
nicht alle Tage passiert, Antreten auf der
Kompaniestraße."
Gespräch unter den Soldaten: Wenn es morgen
regnet, wird der Oberst anscheinend in der Sporthalle von
der Sonne verfinstert. Zu dumm, daß das nicht alle Tage
passiert!"«
So weit meine ergänzenden Ausführungen in diesem
Nachwort.
Ich schließe mit der Anmerkung, daß es meine Mission
war, die gefährliche Selbstverständlichkeit, mit der
seit Jahrhunderten wahrheitswidrige und verfälschte
Religionsinhalte verbreitet werden, hier in das helle
Tageslicht zu rücken.
Die Militärseelsorge ist an dieser selbstverständlichen
Verbreitung »wie selbstverständlich« beteiligt; sie
bedient sich wahrheitswidriger und verfälschter
Religionsinhalte und kommt mit Ansichten daher, die
vielen bedeutenden Weisheiten des »Bauhilfsarbeiters
Jesus von Nazareth« aus Berg- und Feldpredigt
aufsehenerregend widersprechen!
Was heißt das eigentlich, sich im Rahmen der
Militärseelsorge wahrheitswidriger und verfälschter
Religionsinhalte zu bedienen? Nichts anderes, als
frisierte oder einseitig herausgeklaubte Bibelstellen im
Rahmen der Militärseelsorge herunterzubeten, selektiv zu
verwerten und eigennützig zu verwenden, um somit die
Moralbildung der Soldaten zu manipulieren.
In welchem Sinne, zu welchem Zweck? Dies alles zum
kirchlichen und staatlichen Nutzen im Rahmen einer
kumpelhaft verfilzten »Zusammen-herzig-keit«, genannt
Reichskonkordat.
Endnoten
1 Genau: 255 Seiten abzüglich rund 25 Seiten für sehr
große Buchstabengrößen und abzüglich rund 55 Seiten
für bunte Bildchen
2 Die erwähnte »große« Bibel enthält 435 Wörter aus
der Abraham-Isaak-Erzählung
3 Ein populäres Werk, das von Wissenschaftlern gern
überheblich von oben herab betrachtet wird. Verfasser:
C. W. Ceram (richtiger Name: Marek). Von Bertal Diaz,
Weggefährte von Cortez, der begann, das Inkareich zu
köpfen, stammt diese Schilde-rung.
4 s. Chaim Bermant und Michael Weitzmann: Ebla, 1979,
Umschau Verlag Breidenstein KG, Frankfurt/Main, Seite 134
5 Angaben aus einem Flugblatt:»Arbeitshilfen für die
Gemeinden, Evangelischer Oberkirchenrat, Abteilung
Mission und Ökumene«. Bezeichnung des Flugblatts: II A
1f Seite 4
6 Kölner Stadt-Anzeiger 23.12.94
7 Chaim Bermant und Michael Weitzmann: Ebla, 1979,
Umschau Verlag Breidenstein KG, Frankfurt/Main, Seite 170
8 Diese und nachfolgend aufgeführte keilschriftlichen
Rechtssammlungen einschließlich des Codex Hammurapi
liegen in deutscher Übersetzung vor: »Die
keilschriftlichen Rechtssammlungen in deut-scher
Fassung" von Richard Haase, zweite überarbeitete
Auflage, Verlag Otto Harrassowitz, Wiesba-den; ISBN
3-447-02034-2, Copyright 1963 und 1979
9 Aus »Kulturgeschichte des alten Vorderasien«
Akademie-Verlag Berlin 1989 S. 176
10 Eine Mine war zur damaligen Zeit mit Gramm
gleichzusetzen. Ein Sekel wiegt 8,4 Gramm; das sind 180
Getreidekörner. Siehe wiederum »Die keilschriftlichen
Rechtssammlungen in deut-scher Fassung« Seite 113/114
11 siehe auch Lienhard Pallast »Vom Glockenklang zum
Kriegsgesang« (Appetithappen für Querdenker), Hennef,
1998, unter Kapitel 2, Seite 69. Diese hier
Religions-Onanierende genannten bestimmen letztlich, was
die Religion, der sie angehören, zu sein hat (den
Begriff des »religiös Onanierenden« werde ich noch
häufiger gebrauchen, und er ist keineswegs abwertend
gemeint!). In Religionsgemeinschaften kön-nen die
Religions-Onanierer mühelos alle Macht gewinnen. Im
Endstadium entartet schwärmerisches religiöses
Glücksgefühl zu Fundamentalismus. Fundamentalismus
gebiert, wie bereits an dieser Stelle der Betrachtungen
der Bücher Mose beobachtbar ist, »Heilige Kriege«,
Vorherrschaft von Barbarei, Steinigungen,
Unterdrückungsstrategien, Ausrottungsstrategien,
Verbrennungsmentalität, Rassegesetzgebung,
Zwangsherrschaft von Religionen im Staat,
geistig-seelische Vergewaltigung und letztlich Gewalt
aller Art. Dieses Endstadium ist heutzutage in nicht
wenigen Religionen und Sekten zu beobachten, und dieses
Endstadium wird wie eben erwähnt am korrektesten unter
der Sammelbezeichnung »Fundamentalismus« beschrieben.
12 Aus »Die Wegbereiter e. V.« des evangelischen
Missionsdienstes, 75038 Obererdingen, 37. Jahrgang, März
96, Nr. 401
13 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr.
8/24.02.57, Seite 3
14 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr.
46/17.11.1957, Seite 3; Erlaß der Religionskongregation
15 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr. 15/1958,
Seite 1
16 Kölner Stadt-Anzeiger 01.02.95
17 Erinnerungswerter Satz aus dem Drama »Der Hauptmann
von Köpenick«
18 Leserbrief von Jakob Knab, Kaufbeuren, aus
»Publik-Forum« Nr. 21 vom 23.10.87
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