Buch Militaerseelsorge
Die zweite Kreuzigung Jesu?
Hier: Leseproben

Militärseelsorge, Soldatenverdummung, Töten, Moral, Bibelkritik, Kirchenkritik, Religionskritik, Bundeswehr, Militär, Christentum, Bergpredigt, Soldatenmissbrauch

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

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Leseprobe 6 (Text leicht gekürzt):

(Nachwort und Endnoten)

Nachwort

Die Bibel ist nichts anderes als ein religiöses Gefüge von Vorschriften, Weisheitssprüchen und Erzählungen. Dieses Gefüge, ein System weitverzweigter Wahrheiten und Unwahrheiten, »läuft wie geschmiert«, weil es für die meisten Menschen wegen seiner unüberschaubaren Fülle an Begebenheiten und seiner zahlreichen widersprüchlichen Darstellungen undurchsichtig ist. Wer geduldig jahrelanges Quellenstudium betreibt, wird in seinem Urteilsvermögen selbständig werden. Kaum jemand hat dafür Zeit. Also verlassen sich die Gläubigen praktisch vollständig auf ihre Vorbeter. Z. B. die Militärgeistlichen. Was sollten sie auch anderes tun?

Die Bibel lädt geradezu ein, auszuwählen, was dem eigenen Hang zum frömmlerischen Onanieren entgegenkommt und somit zur Verschleierung aller Wahrheiten beiträgt.

Ein Beispiel will ich vorstellen. Ende 1945, wenige Monate nach Kriegsende, erlebte ich als neunjähriges Kind ein Krippenspiel mit fürchterlich vielen Zutaten an Religionskitsch. Ein Mädchen mit sanften Augen war Maria, ein Mädchen mit noch einfältigerer Miene und einem viel zu großen Herrenhut auf dem Kopf der Heilige Josef; andere Mädchen waren die heiligen drei Könige sowie die Hirten vom Feld, und alle weiteren Darsteller waren auch Mädchen. Sogar die Engeldarstellerinnen, durch deren himmlisches Engagement jede Weihnachtsfeier überhaupt erst den letzten Schliff bekam, hatten ihre BDM-Zöpfe oder -Schnecken aufgelöst und standen da – sorgfältig nach Größe sortiert – in prächtig wallendem Haar, mit angehängten Pappflügeln, brennender Kerze und den besten fußlangen Nachthemden, die noch frei von Mottenlöchern waren.

Aufgrund dieses »himmlischen« Krippenspiels war ich damals zu der Auffassung gelangt, echtes Christentum habe naturgemäß hochgradig gefühlsschwanger, rührselig, sentimental-kitschig und erdentrückt zu sein. Diesen Irrtum habe ich jedoch nach Beendigung meiner Kindheit ohne fremdes Zutun bemerkt. Die meisten Menschen denken heutzutage immer noch wie ich zur Zeit meiner Kindertage und gehen nur zu dem einen Zweck in die Kirche, andächtig zu sein und heilige Gefühle und wer weiß noch was an Entzückt- und Entrücktheiten zu kriegen.

Mein größtes persönliches Lebenserlebnis und -abenteuer war mit vierzehn Lebensjahren die Entdeckung der gedanklichen Selbständigkeit; ich konnte plötzlich kritisch denken, ohne auf die Meinung der Erwachsenen hören zu müssen. Ich spürte jetzt deutlich, daß wir in der Nazizeit dazu erzogen wurden, in einem System gebraucht und verbraucht zu werden. Das »System Bibel« gehörte in diesen Gesamtkontext.
Dieses persönliche Ereignis kam fast wie über Nacht und schaffte in mir eine Art Glücksgefühl. Seitdem bin ich ein mißtrauischer Mensch. Ich weiß, daß ich allezeit selbständig denken muß und immer nur selbständig. Kein Weg führt daran vorbei! Die geistige Selbständigkeit hilft, nicht vereinnahmt zu werden; vereinnahmt zum Ge- und Verbrauch durch Organisationen in Systemen. Wie sehr die Menschen mittels vorangegangenen selektiven Religionsunterrichts im Bereich des Militärs ge-, ver- und mißbraucht werden, zeige ich anhand eines Beispiels auf.

Im Januar 1994 hatte ich vor dem Kölner Dom als Demonstrant gegen einen Soldatengottesdienst (gehalten von Kardinal Meisner, wer sonst?) eine Diskussion mit einigen Soldaten des deutschen Militärs. Auf meinem Demo-Transparent stand: »Christentum und Soldatentum schließen sich aus«. Die anwesenden Soldaten wollten mir und weiteren Demonstranten nachweisen, daß Jesus nicht gegen das Militär eingestellt war, Christentum und Soldatentum daher bestens zusammengehörten; auch die Gewaltfreiheit Jesu habe ihre eindeutigen Grenzen. Zur Begründung erinnerten sie mich an die biblische Geschichte des Hauptmanns von Kapharnaum, den sie aus ihrem Religionsunterricht kannten (oder war es der Unterricht des Militärseelsorgers?). Die Soldaten waren davon überzeugt, daß diese Geschichte beweise, ein Christ könne auch ein Soldat sein und umgekehrt. Aber wie bei allen Evangelienerzählungen, in denen Widersprüche sichtbar werden, ist auch an dieser Sache etwas nicht koscher.

Der Hauptmann von Kapharnaum scheint, wenn man Nachforschungen anstellt, ein gut getarntes Kuckucks-Ei in Sachen »eingeschmuggelter Militarismus als Normalität« (Mt8,5; Lk7,1; Joh4,46) zu sein.
Dieser Hauptmann kommt im ältesten Evangelium, dem Markusevangelium, noch nicht vor. Auch im Thomasevangelium (»Evangelium aus dem Nilsand«, gefunden erst 1945) ist er nicht enthalten. Zu Zeiten des ersten Evangelisten dachte man vermutlich noch absolut in den christlichen Kategorien »Feindesliebe sowie Vergeltungs- und Tötungsverbot«.

Zehn Jahre später bei Matthäus gibt es diesen Hauptmann und die mit ihm zusammenhängende Wunderheilungsgeschichte zum erstenmal, und ausgerechnet sein Diener (in Wirklichkeit sein Sklave, denn Sklaven werden in kirchenkapitalistischen Übersetzungen immer rücksichtslos mit »Diener« verniedlicht) ist gelähmt und schmerzgepeinigt. Hier läßt sich der Hauptmann noch herab und geht selbst zu Jesus, um eine Wunderheilung zu veranlassen.

Zwanzig Jahre später ist es bei Lukas zwar immer noch ein Hauptmann, aber der Kranke (immer noch ein Sklave) ist bereits sein Lieblingssklave (die Vermutung liegt nahe, daß dieser beschriebene Hauptmann schwul war). Außerdem ist dieser Hauptmann der ausgesprochene Liebling der Juden, denn er hat den Juden eine Synagoge gebaut, und Jesus war schließlich Jude (und ist bis zu seinem Tod Jude geblieben – zum nicht endenwollenden Entsetzen vieler Gläubiger, die aus ihm gern den ersten Christen und original Christenkirchenerfinder gemacht hätten). Aber dieser Hauptmann ist bereits so ranghoch, daß er es nicht mehr nötig hat, selbst zu Jesus zu gehen; er schickt Gesandte zu Jesus. Nicht irgendwelche, nein, einige angesehene Männer der jüdischen Gemeinde, und läßt durch diese seinen Wunsch ausrichten.

Dreißig Jahre später im Johannesevangelium, dem leicht obskuren, ist der Hauptmann nicht mehr Hauptmann, also kein Soldat mehr, sondern nach biblischer Beförderung bereits ein »rein oberschichtiger« königlicher Beamter allerbester Sorte (ein »Mann im Dienst des Königs«, so übersetzt Luther, und ich tippe auf den Gegenwarts-Vergleich mit einem Staatssekretär), und nicht etwa sein Lieblingssklave liegt im Sterben, sondern sein eigen Kind. Auch dieser Beamte besitzt wie selbstverständlich Sklaven, aber – oh Wunder – dieser Hochgestellte läßt sich herab, selbst zu Jesus zu gehen.

Die Bedeutung dieses militärischen Kuckucks-Eies bei Matthäus und Lukas liegt in der unterschwellig wirkenden Selbstverständlichkeit, in der Militär und Diener (Sklaven!) anstandslos-harmlos in Jesu direkter Nachbarschaft künstlich angesiedelt werden, eine ganz normale Rolle spielen, keinen Anstoß erregen, und somit in der Gesellschaft als normal und unabänderlich hingenommen werden.

Neben den Kuckucks-Eiern war ganz besonders die »Schwäche des Ge-dächtnisirrtums« verantwortlich für mangelhafte, irrige, ja falsche mündliche Weitergabe und Verbreitung der Evangelieninhalte einschließlich Verbreitung der entstandenen Irrtümer und darauf fußender fehlerhafter Aufzeichnungen. Ob darunter auch Irrtümer fallen, denen die Militärseelsorger unterliegen? Militärseelsorger stellen keine Ausnahmen dar. Ich möchte abschließend anhand eines lebendigen, humorvollen Beispiels erläutern, wie schnell sich der Gedächtnisirrtum einstellt, und bringe, was vor Jahren gleich in mehreren Zeitungen und Zeitschriften als wunderschöne Satire nachzulesen war:

Zitat aus »Der Dienstweg«:

»Der Oberst zum Adjudanten: „Morgen früh um neun ist eine Sonnenfinsternis, etwas, was nicht alle Tage passiert. Die Männer sollen im Drillich auf der Kompaniestraße antreten und sich das seltene Schauspiel ansehen. Ich werde es ihnen erklären. Falls es regnet, werden wir nichts sehen. Dann sollen sie alle in die Sporthalle gehen."

Der Adjudant später zum Hauptmann: „Befehl von Herrn Oberst: Morgen früh um neun ist eine Sonnenfinsternis. Wenn es regnet, kann man sie von der Kompaniestraße aus nicht sehen, dann findet sie im Drillich in der Sporthalle statt, etwas, was nicht alle Tage passiert."

Der Hauptmann später zum Leutnant: „Befehl von Herrn Oberst: Morgen früh um neun im Drillich Einweihung der Sonnenfinsternis in der Sporthalle. Der Herr Oberst wird Befehl geben, falls es regnet, etwas, was alle Tage passiert."

Der Leutnant später zum Kompaniefeldwebel: „Morgen um neun wird der Oberst im Drillich in der Sporthalle die Sonne verfinstern, wie es alle Tage passiert, wenn es ein schöner Tag ist; wenn es regnet, dann auf der Kompaniestraße."

Der Kompaniefeldwebel später zum Unteroffizier: „Morgen um neun Verfinsterung des Oberst im Drillich wegen der Sonne. Wenn es in der Sporthalle regnet, was nicht alle Tage passiert, Antreten auf der Kompaniestraße."

Gespräch unter den Soldaten: „Wenn es morgen regnet, wird der Oberst anscheinend in der Sporthalle von der Sonne verfinstert. Zu dumm, daß das nicht alle Tage passiert!"«
So weit meine ergänzenden Ausführungen in diesem Nachwort.

Ich schließe mit der Anmerkung, daß es meine Mission war, die gefährliche Selbstverständlichkeit, mit der seit Jahrhunderten wahrheitswidrige und verfälschte Religionsinhalte verbreitet werden, hier in das helle Tageslicht zu rücken.

Die Militärseelsorge ist an dieser selbstverständlichen Verbreitung »wie selbstverständlich« beteiligt; sie bedient sich wahrheitswidriger und verfälschter Religionsinhalte und kommt mit Ansichten daher, die vielen bedeutenden Weisheiten des »Bauhilfsarbeiters Jesus von Nazareth« aus Berg- und Feldpredigt aufsehenerregend widersprechen!

Was heißt das eigentlich, sich im Rahmen der Militärseelsorge wahrheitswidriger und verfälschter Religionsinhalte zu bedienen? Nichts anderes, als frisierte oder einseitig herausgeklaubte Bibelstellen im Rahmen der Militärseelsorge herunterzubeten, selektiv zu verwerten und eigennützig zu verwenden, um somit die Moralbildung der Soldaten zu manipulieren.

In welchem Sinne, zu welchem Zweck? Dies alles zum kirchlichen und staatlichen Nutzen im Rahmen einer kumpelhaft verfilzten »Zusammen-herzig-keit«, genannt Reichskonkordat.

Endnoten

1 Genau: 255 Seiten abzüglich rund 25 Seiten für sehr große Buchstabengrößen und abzüglich rund 55 Seiten für bunte Bildchen
2 Die erwähnte »große« Bibel enthält 435 Wörter aus der Abraham-Isaak-Erzählung
3 Ein populäres Werk, das von Wissenschaftlern gern überheblich von oben herab betrachtet wird. Verfasser: C. W. Ceram (richtiger Name: Marek). Von Bertal Diaz, Weggefährte von Cortez, der begann, das Inkareich zu köpfen, stammt diese Schilde-rung.
4 s. Chaim Bermant und Michael Weitzmann: Ebla, 1979, Umschau Verlag Breidenstein KG, Frankfurt/Main, Seite 134
5 Angaben aus einem Flugblatt:»Arbeitshilfen für die Gemeinden, Evangelischer Oberkirchenrat, Abteilung Mission und Ökumene«. Bezeichnung des Flugblatts: II A 1f Seite 4
6 Kölner Stadt-Anzeiger 23.12.94
7 Chaim Bermant und Michael Weitzmann: Ebla, 1979, Umschau Verlag Breidenstein KG, Frankfurt/Main, Seite 170
8 Diese und nachfolgend aufgeführte keilschriftlichen Rechtssammlungen einschließlich des Codex Hammurapi liegen in deutscher Übersetzung vor: »Die keilschriftlichen Rechtssammlungen in deut-scher Fassung" von Richard Haase, zweite überarbeitete Auflage, Verlag Otto Harrassowitz, Wiesba-den; ISBN 3-447-02034-2, Copyright 1963 und 1979
9 Aus »Kulturgeschichte des alten Vorderasien« Akademie-Verlag Berlin 1989 S. 176
10 Eine Mine war zur damaligen Zeit mit Gramm gleichzusetzen. Ein Sekel wiegt 8,4 Gramm; das sind 180 Getreidekörner. Siehe wiederum »Die keilschriftlichen Rechtssammlungen in deut-scher Fassung« Seite 113/114
11 siehe auch Lienhard Pallast »Vom Glockenklang zum Kriegsgesang« (Appetithappen für Querdenker), Hennef, 1998, unter Kapitel 2, Seite 69. Diese hier Religions-Onanierende genannten bestimmen letztlich, was die Religion, der sie angehören, zu sein hat (den Begriff des »religiös Onanierenden« werde ich noch häufiger gebrauchen, und er ist keineswegs abwertend gemeint!). In Religionsgemeinschaften kön-nen die Religions-Onanierer mühelos alle Macht gewinnen. Im Endstadium entartet schwärmerisches religiöses Glücksgefühl zu Fundamentalismus. Fundamentalismus gebiert, wie bereits an dieser Stelle der Betrachtungen der Bücher Mose beobachtbar ist, »Heilige Kriege«, Vorherrschaft von Barbarei, Steinigungen, Unterdrückungsstrategien, Ausrottungsstrategien, Verbrennungsmentalität, Rassegesetzgebung, Zwangsherrschaft von Religionen im Staat, geistig-seelische Vergewaltigung und letztlich Gewalt aller Art. Dieses Endstadium ist heutzutage in nicht wenigen Religionen und Sekten zu beobachten, und dieses Endstadium wird wie eben erwähnt am korrektesten unter der Sammelbezeichnung »Fundamentalismus« beschrieben.
12 Aus »Die Wegbereiter e. V.« des evangelischen Missionsdienstes, 75038 Obererdingen, 37. Jahrgang, März 96, Nr. 401
13 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr. 8/24.02.57, Seite 3
14 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr. 46/17.11.1957, Seite 3; Erlaß der Religionskongregation
15 Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Nr. 15/1958, Seite 1
16 Kölner Stadt-Anzeiger 01.02.95
17 Erinnerungswerter Satz aus dem Drama »Der Hauptmann von Köpenick«
18 Leserbrief von Jakob Knab, Kaufbeuren, aus »Publik-Forum« Nr. 21 vom 23.10.87

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Tag der letzten Bearbeitung: 08.01.07