Hier die authentische Fotografie
(Originalfoto, leider nur in Schwarz-Weiß) aus dem
Treppenhaus des nicht mehr bestehenden alten
Postscheckamts Köln, Treppenhaus B, damit ersichtlich
wird, daß der Autor wahrheitsgemäß berichtet hat und
die Dinge sich im beamtentechnischen Bereich häufig
ziemlich skurril zugetragen haben.
Vor kurzem
geschah es, daß eine Terroristengruppe in unserer Stadt
damit drohte, alle öffentlichen Gebäude in die Luft zu
sprengen. Nach längerem Überlegen entschloß sich unser
Amtsvorsteher, bei der Oberpostdirektion schriftlich
anzufragen, ob unser Postamt auch zu den öffentlichen
Gebäuden zähle. Die Oberpostdirektion bejahte und gab
Anordnung, einen Fluchtplan auszuarbeiten, so daß bei
Bombenalarm das Postamt in kürzester Zeit geräumt
werden könne. Der Räumungsplan solle alle
Amtsangehörigen und amtsfremden Besucher
berücksichtigen. Also setzte sich der Amtsvorsteher mit
seinen Abteilungsleitern an einen Tisch und diskutierte
über Räumungsverfahren. Komplizierte Räumungsverfahren
mit Hubschraubertransporten vom Dach oder Anwendung von
Notrutschen wurden verworfen. Einmütig entschloß man
sich für den Plan des Abteilungsleiters II , der einen
genialen Fluchtplan erfand. Nach diesem Vorschlag sollten
bei Bombenalarm ganz einfach die Treppenhäuser als
Fluchtwege benutzt werden. Der Plan war auch deshalb
überaus zweckmäßig, weil er sich ohne besondere Kosten
verwirklichen ließ. Als der Abteilungsleiter IV noch
wissen wollte, wie denn amtsfremde Besucher die
Treppenhäuser finden sollten, schlug der
Abteilungsleiter II vor, die Wege dorthin mit farbigen
Pfeilen, die an die Wände zu pinseln waren, zu
markieren. Bei Bombenalarm sollten lautstarke Sirenen
in jedem Raum aus Sicherheitsgründen doppelt zu
installieren aufheulen.
Der Vorschlag wurde akzeptiert, und schon nach zwei
Wochen sah man, gleich wo man sich befand, viele bunte
Pfeile an den Wänden. Anfangs glaubte das Personal, daß
eine Kunstausstellung im Gange sei. Als aber nach
weiteren drei Wochen eine Verfügung im Amt rundlief,
wußte man um die Bedeutung der Pfeile. Den Inhalt der
Verfügung schärfte ich dem Personal meiner Stelle ein.
Die Beschäftigten rief ich zusammen und hielt eine kurze
Rede:
»Alle mal aufgepaßt! Ihr wißt doch, daß unser Amt in
die Luft gesprengt werden soll. Das können wir zwar
nicht verhindern (Zwischenruf: »Hoffentlich!«), aber
wir wollen versuchen, bei Bombenalarm unser Leben zu
retten. Wenn Bombenalarm gegeben wird, hört ihr das
natürlich an der Sirene, und jeder verläßt das Amt
nach dem Fluchtplan, den ich hier bekanntgebe. Kapiert?
Damit jeder das Amt so schnell wie möglich verlassen
kann, genügt es nicht, zu wissen, wo die Treppenhäuser
sich befinden. Klar? Wir richten uns auf jeden Fall nach
den Fluchtpfeilen. Grüne Fluchtpfeile weisen zum
Treppenhaus A, gelbe zum Treppenhaus B, rote zum
Treppenhaus C, blaue zum Treppenhaus D und schwarze zum
Treppenhaus E. Also, ich wiederhole ... .«
Natürlich hatte kein Mensch aufgepaßt, und ich mußte
alle Farben mehrmals wiederholen. Nach drei Stunden
konnte ich den Dienstunterricht beenden. Jeder wußte,
wohin er zu flüchten hatte.
Am nächsten Tag war das Wissen um die Fluchtpfeile nur
noch bei Postoberschaffner Schaffele vorhanden, was sich
für ihn als lebensgefährlich herausstellen sollte;
nachmittags gegen 15 Uhr gab es Bombenalarm. Alles rannte
kopflos nach unten, um die Ausgänge zu erreichen. Die
bunten Fluchtpfeile waren vergessen, denn jeder kannte
sich ja aus. Amtsfremde Besucher folgten dem
Flüchtlingsstrom, so daß nach wenigen Minuten das Amt
wie ausgestorben schien. Nur Schaffele, der im 7.
Stockwerk arbeitete, löste sein Fluchtproblem streng
nach Vorschrift. Sorgfältig studierte er an einem
Mauervorsprung grüne, gelbe, rote und schwarze
Fluchtpfeile, allerdings ohne Erfolg, denn er war
farbenblind. Schaffele gab aber nicht auf. Er vertraute
einem Fluchtpfeil, von dem er annahm, daß er grün sei,
und gelangte auf diese Weise vom 7. Stockwerk zum 4.
Stockwerk. Dort war aber der grüne Fluchtpfeil auf eine
grüne Wand gemalt worden, und so wurde Schaffele, ohne
es zu merken, von einem roten Fluchtpfeil über
mancherlei Umwege wieder zum 7. Stockwerk
zurückgeführt. Ehe Schaffele stutzig wurde, war er
schon fünfmal die Strecke auf- und abgelaufen.
Inzwischen kam die Polizei und drang vorsichtig, mit
Maschinenpistolen bewaffnet, in das Gebäude ein. Auf dem
4. Stockwerk erkannte ein Polizist eine ihm verdächtige
Person, die in großer Eile auf das 5. Stockwerk zu
entkommen suchte. Es war Schaffele, immer noch auf seinem
Fluchtweg. Als er den Polizisten sah, glaubte er, einen
verkleideten Terroristen vor sich zu haben, und
flüchtete in den nächsten Raum und schlug die Tür zu.
Der Polizist glaubte, einen Terroristen, verkleidet als
Postbeamten, vor sich zu haben, und schoß zweimal durch
die Tür, so aufgeregt war er. Schaffele traf er in den
Rücken. Das überlebte Schaffele nicht.
Der Polizist wurde von der Anklage der fahrlässigen
Tötung freigesprochen, weil er einwandfrei in Notwehr
gehandelt hatte (meinte das Gericht). Wir aber trauerten
aufrichtig um Schaffele und sammelten für einen ganz
großen Kranz, der auf reizvolle Art so geschmückt ward,
daß er die Farben grün, gelb, rot, blau und schwarz
aufwies.
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