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»Menschenrechte
in Palästina«
Die
Generation, die in Nazi-Deutschland vor mir lebte, hatte
1933 bis 1945 weitestgehend weggesehen, als die Nazis und
die Wehrmacht und die SS ihre Verbrechen begingen.
Seit der
israelischen Staatsgründung und auch heutzutage noch
begehen die Israelis Verbrechen an den Palästinensern,
und die Welt sah und sieht immer noch weg. Im Februar
2001 wurde Scharon, den die Menschen häufig "den
Schlächter von Sabra und Shatila" nennen, zum
Ministerpräsidenten gewählt. Ich habe lange genug
weggesehen und will nicht mehr weitermachen wie bisher.
Daher stelle ich diesen Offenen Brief in das Internet, in
der Hoffnung, bei Unbelehrbaren höchstes Mißfallen zu
erregen und bei nicht bescheuklappten Menschen
Nachdenklichkeit und Betroffenheit. Näheres zu
israelischen Verbrechen habe ich in meiner Schrift
"Vom Glockenklang zum Kriegsgesang"
niedergelegt.
Ein
Offener Brief des evangelischen Pfarrers Mitri Raheb,
eines evangelischen Palästinensers, an den
US-Präsidenten
Gefunden
in Publik Forum, Zeitung kritischer Christen, Nummer 4
vom 23.02.2001
"Menschenrechte
in Palästina
VON MITRI RAHEB
Herr
Präsident der USA, gestatten Sie mir, dass ich mich
vorstelle. Ich bin ein palästinensischer Christ, geboren
und aufgewachsen in Bethlehem. Ich bin Pfarrer an der
lutherischen Geburtskirche und Direktor des ökumenischen
Internationalen Zentrums Bethlehem.
Heute sollte ich mit meiner Frau, die eine »Green Card«
für die USA besitzt, in Ihrem Land eintreffen. Freunde
und Mitchristen aus Florida, Illinois, Kansas und
Missouri hatten uns eingeladen. Sie waren auf unseren
Besuch eingestellt, so wie wir auch. Sie hatten sich in
den vergangenen drei Monaten sehr bemüht, für mich eine
Reihe von Vorträgen, Predigten und wichtigen Treffen zu
organisieren. Stattdessen sitze ich jedoch heute hier in
Bethlehem und schreibe Ihnen diesen Brief. Ich weiß,
dass Ihnen der Frieden in dieser Region ein großes
Anliegen ist...
Ich möchte Ihnen eine einfache Frage stellen. Was
brauchte ein Amerikaner noch außer einem gültigen Pass,
Visum und Fahrkarte, um ins Ausland zu fahren? Ich
vermute, nicht viel mehr. Für einen Palästinenser
hingegen sieht so etwas ganz anders aus. Ein
Palästinenser darf sein Land ohne Reisegenehmigung nicht
verlassen. Für mich, der ich in Bethlehem lebe, werden
diese Genehmigungen von Israels Militär ausgestellt, das
neun Kilometer südlich von Bethlehem in der illegal
gebauten Siedlung Gosh Ezion stationiert ist. Aber wie
kann ich nach Gosh Ezion gelangen, wenn Bethlehem
abgeriegelt ist und man sich in seinem Auto mit dem
palästinensischen grünen Nummernschild nur innerhalb
eines Radius von 1,5 Kilometern bewegen darf? Zunächst
einmal musste ich mir ein Taxi mit einem gelben
Nummernschild organisieren, um auf einer der so genannten
Umgehungsstraßen fahren zu können, die auf
palästinensischem beschlagnahmten Boden gebaut wurden,
aber hauptsächlich für israelische Siedler gedacht
sind. Ich erwischte so ein Taxi an einer der vielen
Straßensperren, die die Israelis errichtet haben, um
Bethlehems Ortsteile zu zerstückeln. Als wir unser Ziel
endlich erreicht hatten, legten meine Frau und ich
unseren Antrag vor. Uns wurde mitgeteilt, dass
Palästinenser das Land nicht verlassen dürften, es sei
denn, sie besäßen einen ausländischen Pass. Wir
sollten in drei Tagen erneut kommen und nach der
Genehmigung fragen. Drei Tage später rief ich bei der
israelischen Militärbehörde an und fragte, ob wir die
Genehmigung bekommen könnten. Man teilte mir mit, dass
meine Frau sie bekäme, aber ich nicht. Die Begründung
lautete, meine Frau habe eine »Green Card«, aber ich
nicht. Ich teilte ihnen daraufhin mit, dass ich als
evangelischer Geistlicher einen Pass des Vatikans
besäße. Der Soldat erwiderte:
»Dann füllen Sie bitte neue Formulare aus, legen eine
Kopie Ihres Passes bei, und stellen Sie einen neuen
Antrag.« Das tat ich.
Ich fuhr wieder zu der Straßensperre, um ein Taxi mit
gelbem Nummernschild zu bekommen, aber da sah ich in der
Sperre einen kleinen Durchlass, breit genug für mein
Auto. Ich ergriff diese Gelegenheit und fuhr mit dem
eigenen Auto zur Siedlung. Auf dieser neun Kilometer
langen Fahrt beunruhigte uns die Vorstellung, was
passieren könnte, wenn ein Siedler/eine Siedlerin zu der
Auffassung käme, ihm/ihr passe unsere Anwesenheit auf
dieser Straße nicht. Schließlich erreichten wir unser
Ziel und erhielten unsere Genehmigungen. Wir kamen zur
Straßensperre zurück und versuchten heimzufahren. Aber
da stand jetzt ein israelisches Militärfahrzeug. Ein
Soldat zielte mit dem Gewehr auf uns. Er sagte, wir
sollten dahin zurückfahren, wo wir hergekommen wären.
Ich versuchte meine Frau zu beruhigen und sagte, dass wir
zu den anderen Straßensperren fahren würden, um zu
sehen, ob es dort irgendwo einen Durchlass gäbe. Und
jetzt begann unsere »Via dolorosa« von einer
Straßensperre zur nächsten. Wir fuhren so über eine
Stunde herum und dachten an die Dorfbewohner, die jeden
Tag hin und her pendeln, und wie sie unter der
Abriegelung Bethlehems leiden müssen. Zu guter Letzt
fanden wir eine Öffnung in einer der Straßensperren und
konnten in unsere Kleinstadt Bethlehem zurückkehren,
bevor uns die Soldaten bemerkten und den Durchschlupf
dicht machten.
Gestern, am 4. Januar, machten wir uns um halb zehn Uhr
morgens in einem Auto mit gelbem Nummernschild auf den
Weg zum Ben-Gurion-Flughafen, der ungefähr 45 Kilometer
nordwestlich von Bethlehem hegt, um rechtzeitig zur
Abflugszeit um 16.35 Uhr da zu sein. Die Soldaten an der
Ausfahrt aus Bethlehem hielten unser Auto an,
kontrollierten die Genehmigungen und erlaubten uns die
Weiterfahrt. Wir kamen frühzeitig am Flughafen an und
standen ganz vom in der Schlange. Wir reichten der
Sicherheitsbeamtin unsere Pässe, Flugtickets und
Genehmigungen. Sie schaute erst die Genehmigungen an,
dann uns und dann wieder die Genehmigungen. Sie teilte
uns mit, dass unsere Genehmigungen nicht gültig seien
und dass wir nicht fliegen könnten. »Aber die Leute,
die sie ausgestellt haben, haben mir gestern am Telefon
versichert, dass sie gültig sind«, entgegnete ich. Sie
sagte, dass sie das mit der Flughafenpolizei klären
wolle. Die teilte ihr mit, dass die Genehmigungen
ungültig seien.
Ich hatte mit allem gerechnet und mir deshalb die
Telefonnummer der Militärbehörde eingesteckt, die die
Genehmigungen erteilt hatte. Ich rief dort an und sprach
mit dem Hauptmann, der mir versicherte, die Genehmigungen
seien gültig. Ich reichte der Sicherheitsbeamtin das
Telefon, damit sie sich selbst überzeugen konnte. Sie
schickte einen weiteren Beamten zur Flughafenpolizei, der
zurückkehrte mit der Antwort: Kein Palästinenser darf
das Land verlassen. »Ich möchte selbst mit der Polizei
sprechen«, sagte ich. »Suchen Sie sie selbst, versuchen
Sie es am Auskunftsschalter«, war ihre Antwort.
Inzwischen war ihr Chef gekommen und herrschte sie an,
weil sie ihre Zeit mit Gesprächen mit uns verschwende.
Sie ging fort, und ich begann meine Suche nach der
Polizei. Meine Frau blieb beim Gepäck am Schalter
zurück. Es wurde mir untersagt, zur Flughafenpolizei zu
gehen, zu der man nur mit einer Bordkarte gelangen
könne. Schließlich sagte man mir, ich solle zum
Polizeihauptquartier gehen, das außerhalb des
Hauptgebäudes auf dem Flughafengelände liegt. Als ich
endlich dort ankam, wollte man mich nicht hineinlassen.
Die Frau am Eingang wählte eine Nummer und reichte mir
den Hörer. Ich erklärte der Polizistin am anderen Ende
mein Anliegen. Ihre Antwort: »Kein Palästinenser darf
das Land verlassen. So lauten unsere Anweisungen.« Sie
weigerte sich, die Nummer der Militärbehörde anzurufen
und mit ihr zu sprechen, und bestand darauf, dass diese
mit ihr sprechen sollte. Ich rief den Militärbeamten
noch einmal an und bat ihn, mit der Flughafenpolizei zu
sprechen. Er versprach es mir. In den folgenden drei
Stunden setzte sich unsere »Via dolorosa«, unser
»Kreuzweg«, fort zwischen Militärbehörde.
Flughafenpolizei und Sicherheitsdienst. Um 15.35 Uhr rief
ich den Hauptmann in Gosh Ezion an, der mir sagte, dass
er alles versucht habe, aber dass es Befehle gebe, die er
nicht aufheben könne, und wir deshalb heute nicht
fliegen können, aber dass ich warten solle, bis sich die
Lage etwas entspannt habe.
Ich frage mich, wie sich denn die Lage entspannen könne,
wenn sie Menschen weiterhin so behandeln. Was würden Sie
an meiner Stelle tun, Mister President?
Viele Palästinenser, vor allem Christen, wandern aus.
Sie gehen fort, um im »Gelobten Land« USA zu leben, und
berauben so das »Gelobte Land« Palästina seiner
Kapazitäten und seiner Verheißung. Andere werden
radikalisiert. Die ständige unmenschliche Behandlung
zerstört ihre Vorstellung von einem besseren Leben hier
und jetzt. Wenn Sie behandelt würden wie diese Menschen,
Herr Präsident, ich bin mir sicher. Sie würden sich
auch nicht anders verhalten. Aber Sie werden nicht so
behandelt... Doch wir Palästinenser müssen hier
bleiben. Sei es zum Besseren oder Schlechteren, wir
müssen mit welcher Vereinbarung auch immer leben, die
von Ihrem Land ausgehandelt wird. Jetzt frage ich mich,
was ich, Mitri Raheb, an Ihrer Stelle tun würde. Wenn
ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich sicherstellen, dass
die Palästinenser wirkliche Souveränität und Kontrolle
über ihre Grenzen erlangen, ihre »gesicherten«
Straßen, ihren Luftraum, so dass morgen kein einziger
Palästinenser mehr so behandelt wird wie ich dieser
Tage. Ich spreche nicht von Luxus, sondern vielmehr von
einem Leben ohne Demütigungen.Wenn ich an Ihrer Stelle
wäre, würde ich den Spuren Jesu folgen und alles nur
Mögliche unternehmen, um Gerechtigkeit, Heilung und
Hoffnung in dieses Land zu bringen, in dem vor 2000
Jahren das Göttliche der Menschheit ihre neue Bedeutung,
Würde und Verheißung geschenkt hat.
Übersetzung: Elisabeth Tocha-Ring"
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letzten Bearbeitung: 08.01.07
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