 Zwei Buchauszüge:
Versuch
einer Präambel
Mit unseren Grundrechten und den Allgemeinen
Menschenrechten der UN wird ein Neonazi nichts anfangen
können.
Um so mehr jedoch mit vergreisten Militarismus-Theorien,
verschlissenen Imperialismus-Phantasien und
alarmierend-riskanter Befürwortung ungenießbarer
machtpolitischer Gewaltformationen in neu erdichteten
Macht- und Militärblöcken.
Über so was Modisches finden neuerdings auch in bisher
angesehenen Tageszeitungen ganz hervorragende
Fortbildungskurse statt, deren Brauchbarkeit für
Neonazis Schulung niemand in Zweifel ziehen wird.
Nicht überzeugend klingt es dann, wenn jene, die bisher
Forbildungskurse durchführen ließen, nunmehr am
Rechtsradikalismus Oberflächenkritik üben und
Krokodilstränchen vergießen.
Wer als Zeitungsherausgeber oder als von diesem
bestellter Journalist über vergreiste
Militarismus-Theorien, verschlissene
Imperialismus-Phantasien und alarmierend-riskante
Befürwortung ungenießbarer machtpolitischer
Gewaltformationen in neu erdichteten Macht- und
Militärblöcken schreibt bzw. schreiben läßt, hätte
eigentlich bei pflichtgemäßer Sorgfalt
das Unterstützungspotential, das er allen
Rechtsextremisten bietet, erkennen müssen. Wenn die
Genannten dieses Unterstützungspotential nicht erkennen,
sind sie dann in unserer Demokratie fehl am Platz?
Und wenn sie dann nach getanem Werk auch noch
nachträglich weinerlich über die ach so böse
Neonaziszene ratschen, sind sie dann nicht zumindest von
allen guten Geistern verlassen?
Ich habe exemplarisch zwei Zeitungsberichte aus dem
Kölner Stadt-Anzeiger zitiert, die, so vermute ich,
geeignet sind, der rechtsradikalen Szene geistige
Munition für Menschenverachtung zu liefern, aufbauendes
Futter für unentschlossene Mitläufer bereitzustellen
und Wasser auf alle rechtsdrehenden Mühlen zu gießen.
Versuch
eines Vorworts
»Du schnaufst!« sagte meine Frau heute am
Frühstückstisch vorwurfsvoll, und eine gerade anwesende
Tochter, für deren Lebensbeginn ich mitverantwortlich
gewesen war, nickte heftig. Dies machte mich, der gern
unauffällig durchs Leben wandert, unglücklich, denn es
schien der Beweis dafür, daß ich etwas absolut
Einmaliges bin, zumindest Einmaliges an mir habe. Wer
schnauft schon beim Frühstück? In meiner gesamten
Verwandtschaft und in den Frühstücksräumen von Hotels,
Pensionen oder wo sonst ich mich so rumgetrieben hatte,
habe ich kein einziges Frühstücks-Mitesser-Schnauferl
gehört. Ich werde mich ändern müssen!
Ansonsten bin ich jedoch gottseidank absolut
unauffälliger Durchschnitt. Ich bin 1,71 Meter
durchschnittsgroß, fahre ein ziemlich kleines Auto,
werde jeden Tag um einen Tag älter, nehme mehr zu als
ab, trage meinen Kopf oben und die Füße unten sowie
meist abgewetzte Jeans, heißgeliebte Uralt-Schuhe und
irgendwelche undefinierbaren Oberhemden, sitze oft am
Schreib-Computer, trinke gern Kaffee und Rotwein, und
stehe, wenn ich einen Stadtbesuch mache, gern vor Foto-
und Computergeschäfteschaufenstern.
Wegen des Frühstückschnaufens habe ich mir heute
überlegt, schnellstens weiterhin alle Anstrengungen auf
mich zu nehmen, die noch mehr zu meiner absoluten
Unauffälligkeitsbildung beizutragen.
Was tut einer heutzutage, der sich absolut unauffällig
zeigen will? Er kauft sich die neue bundesdeutsche
Unauffälligkeitskleidung, die dazu verhilft, überall
absolut nicht mehr aufzufallen. Das sind Springerstiefel,
tarnfarbene Hose und Bomberjacke. In der Hand muß man
dann auch noch etwas halten, nämlich vormittags einen
Baseballschläger, nachmittags etwas ähnliches wie eine
Reichskriegsflagge und ab Dunkelwerden vielleicht einen
Ehrendolch nebst Eisernem Kreuz oder andere kriegerische
Militaristen-Devotionalien. Nicht schlecht sind darüber
hinaus Tätowierungen, möglichst aus der Bilderreihe
»Alte Germanen«, »Preußentum« und
»Militarismusgeschichte«.
Solcherart verkleidet werde ich mich sicher wohlfühlen.
Aber ich werde Vorsicht walten lassen, Tätowierungen
gehen später kaum noch runter!
So hoffe ich, ein ganz und gar unauffälliger Mensch
meiner Zeit zu werden. Ich habe mir zwar noch
vorgestellt, mir eine Glatze rasieren zu lassen, aber es
dauert ja so lange, bis das gute Haupthaar nachgewachsen
ist, falls längeres Haupthaar bei kurzfristig
einsetzenden Änderungen in den Zeitenläuften zur
Unauffälligkeitsbildung eher beiträgt als eine Glatze.
Außerdem habe ich einen unschönen,
musikalisch-abgeplatteten Hinterkopf, und der sieht im
Skinheaddress sicher nicht gut aus; und was nicht gut
aussieht, trägt absolut dazu bei, eine gewisse
Einmaligkeit herbeizuführen, die ich ja vermeiden
möchte. »Also, Glatzkopf«, so sagte ich mir, »du
machst den Kohl auch nicht mehr fett.«
Ich bin sicher, daß es genug moderne Leute gibt, die zur
Skinhead-Modebildung offen oder verschleiert beitragen.
Der Umkehrschluß lautet: Wer Skinheads, die noch keine
sind, zu Skinheads macht, gehört zur Modewelt.
Die Modemacher kommen aus allen Ecken und Kanten. Es sind
die Altnazis, die Neonazis, die Halbnazis, die
Möchtegernnazis und die verschleierten Modemacher.
Die sich in Nadelstreifen präsentieren, sind vermutlich
die edelsten Modemacher, sofern sie sich ordentlich
tarnen. Wenn aber einer in Nadelstreifen umherläuft,
muß das noch kein Edelmodemacher sein. Das einzige, was
man mit Sicherheit sagen kann, ist, daß unter
Nadelstreifen einer steckt, der distinguiert bis
handverlesen aussehen möchte.
Ja, was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, ich wollte
sagen, daß diese Modemacher unter günstigen
Voraussetzungen besonders effektiv dazu beitragen, der
Mode mit Springerstiefeln und Bomberjacken auf die Beine
helfen. Je distinguierter und je unauffälliger diese
Modemacher daherstelzen, desto effektiver wirken sie.
Die, die Skinheads werden wollen und dazu noch nicht so
ganz wild entschlossen sind, brauchen ihre anspornenden
Vorbilder. Zum Beispiel Eltern, die sagen, bei Adolf
hätte eine Frau noch nachts um drei Uhr im Dunkeln auf
die Straße gehen können, bei Adolf wären lichtes
Gesindel, arbeitsscheue Ausländer und Judenpack noch in
vernünftige Arbeitserziehungslager gekommen, bei Adolf
hätte man den Soldaten noch richtig die Hammelbeine
langgezogen, bei Adolf wäre die Vorstellung, Lebensraum
für das Volk zu schaffen, leider, leider
danebengegangen, bei Adolf wäre wirklich keiner, aber
auch gar keiner vergast worden, bei Adolf hätte das
Reden über den Krieg und jede Art von Militarismus noch
einen Sinn gehabt, bei Adolf wäre ein Soldat noch ein
hochangesehener Held gewesen, bei Adolf hätte ein
Politiker ohne Wehrmachtsuniform nach nichts ausgesehen,
und ohne Adolf wäre das Leben in der Teutschen Nation
auch heutzutage sowieso kaum lebenswert! Wenn doch
wenigstens Rudolf Hess wiederkäme.
Na ja, da gibt es noch einige Menschen, die vermeinen,
Modemacher wären möglicherweise nicht besonders gut
für die Ausbildung von Unauffälligkeitsmode geeignet.
Ja, um Gottes Willen, Modemacher brauchen wir ja so
dringend! Alle! Von jeder Sorte! Wer soll denn die
Gemeinde der Skinheads am Leben erhalten und wer für
ihre sichere Vermehrung sorgen? Jeder, den wir kriegen
können! Alle Modemacher müssen an der Front bleiben. An
der Front der Bücherschreiber, Internet-Anbieter,
Zeitschriften- und Zeitungsmacher sowie Prediger auf
Kongressen oder sonstwo.
Sobald es einen Modemacher gibt, der eine Zeitung
herausgibt, kann er sein Publikum nicht über Predigten
erreichen; er muß also schreiben oder schreiben lassen.
Zum Schreiben lassen sucht er sich die aus, die in seinen
Kram passen.
Der Modemacher an der Druckpresse schafft eine Menge.
Sein Vorteil: Der Teutsche Leser ist druckgläubig. Ein
Druckgläubiger ist einem Kirchengläubigen ebenbürtig,
denn der Druckgläubige schaltet sein Gehirn nie ein,
wenn er seine Zeitung öffnet, denn er glaubt den
Journalisten alles. In gleicher Weise verfährt ja auch
der Kirchengläubige, der sein Gehirn nie einschaltet,
wenn er unter der Predigtkanzel sitzt.
Das ist phantastisch. Praktisch. Brauchbar.
Unübertroffen. Also will ich eine Untersuchung
anzetteln, um herauszufinden, ob und wo es solche
Modemacher wirklich gibt. Meine Verwandtschaft sehe ich
dann schon wieder, wie sie sagt:»Da hast du aber ein
schönes Hobby, Jungchen, das alles schreiben und
drucken. Hauptsache, du fühlst dich wohl dabei. Und mach
ruhig weiter so. Dann hast du auch keine Langeweile.«
Und dann kriege ich symbolisch ein Zückerchen in den
Mund geschoben und werde lieb getätschelt.
Nein, so einfach ist das gar nicht, sich wohlfühlen.
Meine Antwort darauf war früher immer so:»Wer über die
Mode mit den Springerstiefeln schreiben will, muß
persönliche Opfer bringen, und dazu gehört auch, nicht
verstanden zu werden!«
Sobald ich das jeweils gesagt hatte, sah ich meine Worte
wie Zigarettenrauch in die Ohren meiner
Verwandtschaftsangehörigen reinsausen und sofort wieder
raussausen. Das war beim erstenmal. Beim zweitenmal haben
die schon nicht mehr richtig zugehört; und meine Worte
gingen wie Zigarettenrauch nur an einem Ohr rein und
sofort am anderen raus. Man konnte es gut sehen. Bei
drittenmal habe ich den Weg meiner Worte ebenfalls
optisch verfolgt: Sie machten vor den Ohren schwupps
kehrt und weigerten sich, darin zu verschwinden, weil
alle Gehörgänge fest verschlossen worden waren.
Dies ist nachweisbar, weil andauernd stereotyp gesagt
wird: »Da hast du aber ein schönes Hobby, Jungchen, das
alles schreiben und drucken. Hauptsache, du fühlst dich
wohl dabei. Und mach ruhig weiter so. Dann hast du auch
keine Langeweile.« Und dann kriege ich symbolisch ein
Zückerchen in den Mund geschoben und werde lieb
getätschelt.
Ach, da fällt mir noch ein zweiter Satz ein:»Sitzte
schon wieder vor dem dämlichen Schreib-Computer?«
In Variation zwei lautet dieser Satz:»Du hängst ja nur
noch vor deinem Schreib-Computer!« Oder:»Dat Dingen
schmeißen wir am Besten irgendwann mal raus!«
Oder:»Wie kannste dat nur so schreiben? Du wirst dir
noch die Finger daran verbrennen!« Oder:»Dat
interessiert doch jarkeinen!«
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